Stand: 20.02.2016 09:08 Uhr

Big Data und Gesundheit: "Der Staat muss handeln"

von Elisabeth Weydt, NDR Info

In was für einer digitalen Zukunft wollen wir leben? Darum geht es auf einer Tagung der Zeit-Stiftung in Hamburg. Dabei ist auch Big Data ein Thema, das massenhafte Sammeln von Information über jeden Einzelnen - zum Beispiel durch Firmen oder für Krankenversicherungen.

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Wissenschaftler Mayer-Schönberger plädiert für eine Abwägung bei der Verwendung von Big Data.

"Ich glaube, dass wir in Zukunft in einer Gesellschaft leben werden, in der wesentlich mehr Daten über unsere Gesundheit gesammelt werden", sagt Viktor Mayer-Schönberger, der auf dem Symposion im Theater Kampagel eine Rede über Big Data und ethische Fragen hält. Der Oxford-Professor für Regierungsführung im Internet gründete schon in den 1980er-Jahren ein Software-Unternehmen in Österreich, hat sich aber dann doch lieber der Wissenschaft verschrieben.

Grundsätzlich sieht er in Big Data in der Gesundheit kein Problem: "Das Beobachten und Verstehen der Welt durch das Sammeln von Daten ist etwas zutiefst Positives. Das Problem entsteht nur, wenn sie für Dinge verwendet werden, die wir aus ethischen, moralischen oder rechtlichen Gründen für verwerflich erachten."

"Medikamente kann man besser dosieren"

Noch nutze das Gesundheitswesen die Menge an Daten zu wenig, um Behandlungs- und Diagnosemethoden individuell auf jeden einzelnen Patienten zu zuschneiden, sagt Mayer-Schönberger. "Wenn wir uns heute vorstellen wie wir medizinische Versorgung organisieren, dann ist das wie die Massenproduktion des beginnenden 20. Jahrhunderts. Jeder bekommt für einen Schnupfen oder eine Erkältung ein Aspirin. Ein Aspirin, das in seiner Dosis entwickelt wurde für den durchschnittlichen Mann, der eine durchschnittliche Erkältung bekommt."

Dabei gibt der Wissenschaftler zu bedenken: "Ich bin kein durchschnittlicher Mann und ich habe auch nie eine durchschnittliche Erkältung, sondern eben eine ganz spezifische. Und dafür ist die Dosis entweder zu gering oder zu groß. Das ist falsch, das kann man besser."

Der Professor nutzt Big Data auch für seine persönliche Gesundheitsvorsorge. Er hat seine DNA auf mögliche Erbkrankheiten analysieren lassen und lässt sein Fitnessverhalten mit einer Smartwatch digital aufzeichnen. Seitdem bewege er sich viel mehr, sagt er. Doch er sieht auch Gefahren in Big Data: "Das Problem ist die Verwendung der Informationen. Werden sie für die Forschung verwendet, so ist das eine gute Anwendung. Werden sie allerdings von Versicherungen verwendet, um uns von Gesundheitsversicherungen auszuschließen, dann ist das eine schlechte Verwendung."

Die aktuellen Gesetze sind seiner Meinung nach noch nicht ausreichend, um dem Missbrauch von Gesundheitsdaten vorzubeugen. Auch die die kürzlich vereinbarte Datenschutzgrundverordnung der EU liefere keine Antwort auf die Frage, wie eine richtige Verwendung von Daten im Gesundheitsbereich organisiert werden solle, sagt der Jurist.

Kritik: Gesetzgeber hat Datenschutz dem Einzelnen überlassen

"Das zentrale Problem derzeit ist, dass der Gesetzgeber die gesamte Problemlage Datenschutz im Gesundheitsbereich auf die Betroffenen, auf die Menschen rückübertragen hat. Die sollen nun entscheiden, jeder für sich, wann er welche Daten, zu welchen Zwecken anderen übergibt", kritisiert Mayer-Schönberger: "Das ist eine derartig schwierige und komplexe Entscheidung, die wir nicht erwarten können, dass die Menschen die auch für sich treffen können. Hier hat sich der Staat selbst aus der Pflicht herausgenommen und das ist falsch. Der Staat muss wieder zurück ins Bild. Die Gesellschaft muss klare Grenzen aufzeigen und diese Grenzen auch durchsetzen in der Verwendung von Gesundheitsinformationen."

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NDR Info | 20.02.2016 | 09:08 Uhr