Stand: 01.07.2015 18:55 Uhr  | Archiv

Arbeitsintensive Polit-Imagepflege via Facebook

von Daniel Bouhs

Egal ob beim neuen Rentenpaket oder bei der Arbeitsmarktreform: In der Vergangenheit musste die Bundesregierung immer darauf hoffen, dass Journalisten ihre Sicht der Dinge transportieren. Oder die Regierung schaltete Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften und verteilte Broschüren. Doch im digitalen Zeitalter nutzt die Regierung auch die sozialen Netzwerke für ihre Zwecke. Um die Botschaften von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrer Minister ungefiltert zu platzieren, betreibt sie einen großen Aufwand.

Bild vergrößern
Knapp 100.000 "Fans" gefällt der Facebook-Auftritt der Bundesregierung.

Ein Café in Berlin-Mitte. Tabea Wilke, die mehreren Politikern beim Auftritt in sozialen Netzwerken hilft und berät, zückt ihr Handy. Auf dem Facebook-Profil der Bundesregierung gefällt ihr das Posting "Die Sommerzeit in Berlin": "Ein wunderbares Foto mit Blick auf das Bundespresseamt und auf die Spree. Das ist großartig, das sind schöne Bilder, das wollen die Menschen sehen." Dass dieser Facebook-Eintrag mit "harter Politik" nichts zu tun hat, stört sie nicht. Im Gegenteil: Der Regierung gelinge es mit diesem Beispiel, Emotionen zu transportieren. Genau dafür sei Facebook da: "Einerseits ist hier dieses wundervolle Spree-Foto. Und wenn man ein bisschen runter scrollt, kommen gleich Fakten zu den Anschlägen in Tunesien und Frankreich."

Mal gibt's bunte Bilder, mal nüchterne Fakten

Allein die Vorbereitung ihrer Social-Media-Strategie hat sich die Bundesregierung 120.000 Euro kosten lassen. Für Regierungssprecher Steffen Seibert ist gerade die Präsenz auf Facebook konsequent: "Es gibt viele Menschen, die sind erreichbar über gedruckte Broschüren - und deswegen kriegen sie die von uns. Und es gibt welche, die sind inzwischen fast nur noch im Netz oder vielleicht fast nur noch in den sozialen Medien erreichbar - und deswegen sind wir auch da aktiv."

Seiberts Leute gewähren in kleinen Videos einen Blick in das Cockpit der Regierungsmaschine - während der Landung. Sie zeigen Kanzlerin und Minister bei der Arbeit. Dazwischen: Klassische Statements zur griechischen Schuldenkrise oder zum Arbeitsmarkt.

Nutzer lassen ihrer Meinung freien Lauf

Knapp 100.000 Nutzer haben diese Regierungsbotschaften bereits abonniert. Unter den Einträgen platzieren viele wiederum ihre Fragen. Der Regierungssprecher räumt ein: Sein Team schafft es nicht, alle zu beantworten. "Es wird sicher immer wieder welche geben, die mit Recht sagen: 'Moment mal, ich habe da eine Frage gestellt, auf die habe ich keine Antwort bekommen.' Aber wir tun so viel wir können", so Seibert.

Bei den Kommentaren auf der Regierungs-Facebookseite geht es oft kritisch, manchmal sogar krawallig zu. Nutzer lassen ihrer Meinung hier freien Lauf - auch Rassisten. "Wo unsägliche Holocaust-Leugnungen stattfinden oder wirklich hetzerische, rassistische Inhalte, da handeln wir dementsprechend, dokumentieren das und leiten das in ganz wenigen Fällen gegebenenfalls auch zu einer juristischen Prüfung an die zuständigen Behörden weiter", erklärt der Regierungssprecher.

Russische Kommentare auf Instagram werden gelöscht

Bild vergrößern
Social-Media-Beraterin Tabea Wilke ist der Meinung, dass sich über Facebook und Co. Emotionen gut transportieren lassen.

Auf einer anderen Plattform ist die Bundesregierung inzwischen in der Defensive. Auf dem noch jungen Profil der Kanzlerin im Foto-Dienst Instagram löscht sie konsequent russische Kommentare. Die offizielle Begründung dafür: Die Sprache passe nicht zum Kanal.

Was der Regierung aber passt, das sind die eigenen Bilder, die die Kanzlerin in Szene setzen. Beraterin Wilke ist der Meinung: Merkel mit anderen Regierungschefs zu zeigen, sei die richtige Strategie des Kanzleramts: "Das zeigt, dass die Bundeskanzlerin an einer Lösung interessiert ist und hart arbeitet. das alles vermittelt dieses Bild. Diese Information können Bilder viel besser transportieren als jeder geschriebene Text."

Von Twitter lässt nicht nur Angela Merkel die Finger

Letztlich bedient Merkel diese Kanäle nicht selbst, sondern ihr Team. Auf Facebook ist das durchaus üblich, auf Twitter wiederum verpönt. Hier ist persönlicher Einsatz gefragt. Merkel hält sich aus dieser Plattform dann auch konsequent heraus und ist damit nicht allein, wie ein Blick auf die EU-Regierungschefs zeigt: Auch ihre Kollegen aus Österreich und Schweden bleiben Twitter fern. Andere haben zwar mal damit begonnen, ihr Profil aber wieder einschlafen lassen. Social-Media-Offensiven mögen gerade hoch im Kurs stehen. Für den direkten Draht aber ist nicht jeder Politiker zu haben.

(Aufgenommen wurden offizielle, der Person oder dem Amt zugeordnete Twitter-Profile, keine allgemeinen im Namen der gesamten Regierung wie zum Beispiel in Portugal. Zahlen teilweise gerundet).

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 02.07.2015 | 08:08 Uhr