Stand: 30.12.2015 11:53 Uhr

Algorithmen treffen immer mehr Entscheidungen

von Elisabeth Weydt

In Hamburg haben sich Tausende Hacker und Internetaktivisten zum größten Kongress seiner Art in Europa, dem Chaos Communication Congress, getroffen. Vier Tage bastelten sie in Workshops an Hardware und Software und diskutierten über Technik und Politik. Das Leben wird immer digitaler, ihre Themen also immer wichtiger. Was passiert mit all den Daten, die wir ansammeln? NDR Info hat sich umgehört.

Es blinkt und fiept und dreht sich überall. Das Congress-Centrum Hamburg (CCH) hat sich in eine große Spielwiese für Technik- und Datenfreunde verwandelt. Eine junge Frau sitzt mit Laptop in einem Bällebad, zwei Jungen versuchen mit einem Roboter kleine Kugeln zu transportieren und dazwischen rennen ein paar Kinder. In diesem Jahr sind 12.000 Menschen gekommen, so viele wie nie zu vor. Constanze Kurz, die Sprecherin vom Chaos Computer Club, der den Kongress organisiert, ist verschnupft aber zufrieden. Sie hat das Gefühl, dass die Menschen immer besser über die Möglichkeiten hinter ihren Daten informiert sind.

"Ich glaube, diese Haltung, ich hab ja nichts zu verbergen, bei mir können sie alles wissen, die stirbt auch langsam aus. Es gibt immer weniger Menschen, die nicht wissen, dass ihr gesamtes Leben mittlerweile digitalisiert wird und dass es da Schutzzonen geben sollte", sagt Kurz. "Denn es geht ja nicht darum, dass man selber ganz konkret glaubt, dass man nichts zu verbergen hat. Sondern es geht darum, ob wir überwachungsfreie Räume haben."

Datenwissenschaftler Drewes fordert Schutzzonen

Schutzzonen fordert auch der Datenwissenschaftler Andreas Dewes. Er hält einen Vortrag zu Algorithmen. Gerade feilt er noch an den letzten Formulierungen. Sein Vortrag ist im großen Saal. Er will die Laien nicht überfordern und Experten nicht langweilen. Die erste Herausforderung liegt schon darin zu erklären, was ein Algorithmus überhaupt ist: "Ein Algorithmus ist ein Verfahren, das ein Computer einsetzen kann, um aus einer großen Datenmenge Informationen zu generieren und diese Informationen zu benutzen, um eine Entscheidung zu einem Problem zu finden."

Algorithmen werden immer mehr Entscheidungen treffen

Man begegnet solchen Algorithmen zum Beispiel, wenn Facebook nur bestimmte Einträge anzeigt, oder wenn beim Surfen im Netz Werbung von Produkten geschaltet wird, über die man sich zuvor informiert hat. So ein Algorithmus kann in Zukunft aber noch viel mächtigere Entscheidungen für uns treffen. Drewes: "Beispielsweise Entscheidungen über unsere Gesundheit, über unsere Freizügigkeit. Also wer darf ohne Visum in ein bestimmtes Land einreisen? Wer darf eine Versicherung abschließen? Wer darf Kunde von einem Unternehmen werden? Wer wird von Bewerbungen oder von bestimmten Möglichkeiten ausgeschlossen? Es ist ein Mythos zu glauben, dass Algorithmen immer fair und unvoreingenommen Entscheidungen treffen."

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Vier Tage im Wunderland des Chaos Computer Clubs

Der Chaos Computer Club hält nicht nur eine Tagung ab. Seine Mitglieder verwandeln das Congress Center Hamburg vier Tage lang in ein buntes Paradies für Computer-Bastler. Bildergalerie

Aber sie werden immer mehr Entscheidungen treffen, davon ist Dewes überzeugt. Deshalb hat er seinen Vortrag auch "Sag Hallo zu deinem neuen Boss!" betitelt. Wenn Krankenkassen, Arbeitgeber, Versicherer oder Banken unkontrolliert Algorithmen anwenden könnten, verliere der Mensch die Kontrolle, sagt Dewes. Er sieht aber auch die Chancen hinter den vielen Daten und ihrer Auswertung durch Algorithmen. Selbstfahrende Autos könnten beispielsweise bald die Zahl von Unfällen verringern.

"Ich glaube, die nächsten fünf Jahre werden die Ära der Smart Devices werden - also von Geräten, die beispielsweise im Auto oder im Haushalt verschiedenste Daten über Sie und Ihre Umgebung messen. Also die Herzfrequenz oder den Puls. Wann Sie nach Hause kommen, was Sie kochen", prognostiziert Drewes. Diese Informationen würden wahrscheinlich zum großen Teil zentralisiert und dann auch genutzt werden. Immer mehr Geräte werden laut Drewes intelligent sein und Daten über ihre Umgebung aufzeichnen - und werden damit den Menschen ein stückweit transparenter machen.

Interview auf dem Chaos Computer Club.

Andreas Dewes: "Immer weniger nachvollziehbar"

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Der Physiker und Datenwissenschaftler Andreas Dewes kritisiert, dass intransparente Algorithmen weitreichende Entscheidungen treffen.

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NDR Info | 30.12.2015 | 07:30 Uhr