Stand: 21.02.2013 20:00 Uhr  | Archiv

Der Kampf gegen den Schimmel hat begonnen

Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen: Tausende historische Bücher wurden im vergangenen Sommer aus dem Stralsunder Stadtarchiv verkauft - heimlich. Nach einem Proteststurm und staatsanwaltlichen Ermittlungen wurde der Verkauf schließlich wieder rückgängig gemacht.

Dicke Luft blieb trotzdem in der UNESCO-Welterbestadt: Die Archivleiterin musste ihren Hut nehmen, wogegen sie Klage einreichte. Was erst im Zuge des umstrittenen Bücherverkaufs ans Tageslicht kam, weil sich ein Antiquar über den schlechten Zustand seiner Neuerwerbungen aus der Hansestadt beschwerte: Auch in den Magazinen des Archivs im ehemaligen Franziskaner-Kloster war es mit dem Klima nicht zum Besten bestellt. Etliche Bücher waren von Schimmel befallen, ihr totaler Verfall drohte.

Mit Pinsel, Schwämmchen und Sauger

Nun hat sich die Stadt der Mammutaufgabe angenommen, den einzigartigen Buchschatz vom Schimmel zu befreien. Seit Kurzem ist Stadtrestaurator Burkhard Kunkel damit beschäftigt. Dabei hilft auch der "safemate 1.5 vision" - eine Reinraumwerkbank, die die einzelnen Buchseiten mit Unterdruck reinigt. Die Feinarbeit nimmt Kunkel mit Latexschwämmchen und Ziegenhaarpinsel vor. "Wir wollen ausschließen, dass irgendwo noch lebendige Sporen zurückbleiben, deshalb gehen wir da sehr gründlich vor", sagt er.

Sisyphosarbeit mit Schutzanzug und Atemmaske

Insgesamt sind nach ersten Schätzungen bis zu 125.000 Bände betroffen. Einige Bücher stammen aus dem 15. Jahrhundert, sind aus Pergament und leicht brüchig. Deshalb dauert die Behandlung unterschiedlich lange - im Durchschnitt eine gute halbe Stunde. Erschwerend kommt hinzu, dass die Reinigungsarbeiten mit Schutzanzug und Atemmaske durchgeführt werden müssen, weil die Sporen möglicherweise Krebs auslösen können.

Die Stadt allein bräuchte 25 Jahre für die Dekontamination

"Sie können sich vorstellen, dass wir hier gar nicht die Personaldecke haben, die 125.000 Bände in einem Jahr hindurch zu reinigen", sagt Kunkel. Müsste die Stadt die Dekontamination allein bewerkstelligen, würde sie dafür rund 25 Jahre benötigen. Abhilfe könnten Großateliers schaffen, die mit 15 oder 20 solcher Reinraumwerkbänke und bis zu 50 Mitarbeitern Bestände von 5.000 oder 10.000 Büchern innerhalb von einigen Monaten beherrschen könnten, so Kunkel weiter.

Doch dafür werden die 250.000 Euro, die die Stadt bislang für den historischen Buchbestand bereitgestellt hat, möglicherweise nicht reichen. Die Beteiligten hoffen daher auf Zuschüsse vom Bund und vom Land. Großateliers könnten die Dauer der Reinigung auf drei bis vierJahre begrenzen.

"Die Bestände hier sind Champions League"

Derzeit sind zwei Experten vor Ort. Falk Eisermann von der Staatsbibliothek Berlin und Christoph Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig, sichten bis Freitag die Bestände, die bisher kaum erforscht und erfasst sind. Die beiden glauben, dass dort noch so mancher Schatz gehoben werden könnte. "Um es mal so zu sagen: Die Bestände hier sind Champions League und das, was damit bisher passiert ist, ist eben noch nicht Champions League", sagt Eisermann.

Digitalisierung und vollständige Erfassung geplant

Nach der Reinigung aller Bücher des Bibliotheksbestandes sollen die wertvollen Handschriften, Urkunden und Bände digitalisiert werden. Dann können sie auch Wissenschaftlern in aller Welt zugänglich gemacht werden. Wann die feuchten Räume des ehemaligen Franziskanerklosters, wo Teile des Stadtarchivs untergebracht sind, saniert werden, ist aber noch nicht klar.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 21.01.2013 | 16:40 Uhr

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