Stand: 13.11.2012 11:00 Uhr  | Archiv

Wolgast: Stadt im Kampf gegen Nazis

von David Hohndorf & Anna Orth

Mehr als 1.100 Menschen stellen sich am vergangenen Freitag in Wolgast einem Aufmarsch von Neonazis entgegen. Mit Mahnwachen und einem Laternenumzug protestieren sie gegen die NPD-Kundgebung am Jahrestag der NS-Pogromnacht.

In Wolgast protestieren Demonstranten mit einem Laternenumzug gegen Rechtsextremismus und Rassismus. © dpa - Bildfunk Fotograf: Bernd Wüstneck

Wolgast: Stadt im Kampf gegen Nazis

Panorama 3 -

Mehr als 1.100 Menschen stellten sich am letzten Freitag in Wolgast einem Nazi-Aufmarsch entgegen. Seit Wochen kämpft die Stadt gegen den Ruf, ausländerfeindlich zu sein.

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Sie wollen ein deutliches Signal setzen: gegen Fremdenfeindlichkeit und Hass. Ein Nazi-Aufmarsch hat ihnen hier gerade noch gefehlt. Denn Wolgast kämpft seit Wochen gegen seinen Ruf, ausländerfeindlich zu sein.

Asylbewerberheim sorgt für Unruhe

Ende August sind die ersten Asylbewerber nach Wolgast gekommen. 24 Flüchtlinge aus dem Iran, Afghanistan und der Türkei ziehen an einem sonnigen Spätsommertag in die neu eröffnete Unterkunft in einem Plattenbauviertel am Rand der Stadt. Willkommen scheinen sie dort nicht. In der Nacht vor ihrem Einzug hat jemand ein Graffiti an die Wand gesprüht: "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land."

Zwei Reporter von Panorama 3 dokumentieren damals die Ablehnungund den offenen Hass, der den Flüchtlingen aus der Nachbarschaft entgegenschlägt. "Reicht das nicht, dass die Kanaken hier sind? Die können wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind, ganz einfach", hetzt eine Anwohnerin. Ein anderer beschallt aus seiner Wohnung heraus den Hof vor der Unterkunft mit rechtsradikaler Musik. "Haut den Türken auf den Sack", heißt es im Refrain. Ahnungslos spielen und tanzen die Flüchtlingskinder dazu. Sie verstehen den Text nicht.

Bürgermeister und Stadt fühlen sich verunglimpft

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"Heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigen Land" - so stand es noch vor dem Einzug der Flüchtlinge an einer Wand in Wolgast.

Für Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos) kommen die Anfeindungen von "einzelnen Verstörten". Von einer besonders aufgeheizten Atmosphäre mag er nicht sprechen. Ein bisschen hilflos klingt er doch: "Ich glaube Rostock-Lichtenhagen wird sich nirgendwo wiederholen in Deutschland. Davon bin ich fest überzeugt. Hoffentlich, hoffentlich."

Nachdem Panorama 3 den Film ausgestrahlt hat, sehen viele Wolgaster ihre Stadt ins falsche Licht gerückt. Der Bürgermeister beklagt eine einseitige, verzerrte Darstellung. Die regionale und überregionale Presse berichtet, zieht Parallelen zur Situation in Rostock-Lichtenhagen, wo vor 20 Jahren ein Asylbewerberheim in Brand gesteckt wurde.

Symbolischer Besuch des Ministerpräsidenten

Sogar Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) kommt zu einem Besuch in der Flüchtlingsunterkunft vorbei, um sich selbst ein Bild zu machen. Und in Wolgast fragen sich viele aufgeschreckte Bürger, was sie tun können, um die Situation für die Flüchtlinge zu verbessern und den Ruf ihrer Stadt zu retten.

"Seit Wochen komme ich zu nichts anderem mehr", klagt Bürgermeister Weigler gegenüber "Spiegel Online". Viel hat sich seit dem Bericht im September bewegt. Und jetzt will die NPD ausgerechnet in Wolgast marschieren. Und auch unsere Reporter sind wieder vor Ort, stoßen auf weiterhin verängstigte Flüchtlinge, aber auch auf Wolgaster, die den Rechten nicht mehr die Straße überlassen wollen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.11.2012 | 21:15 Uhr