Stand: 22.10.2015 17:53 Uhr

Wirbel um Verdächtigenliste im Fall Jamel

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Wie wurde die Liste mit den dem Ehepaar feindlich gesinnten Personen genau erstellt? (Archivbild)

Das wegen seines Engagements gegen Rechtsextremismus mehrfach ausgezeichnete Ehepaar Lohmeyer aus Jamel bei Wismar bekommt möglicherweise Ärger mit der Justiz. Die Lohmeyers haben nach dem Brand ihrer Scheune Mitte August offenbar falsche Verdächtigungen geäußert und die Ermittler so womöglich auf eine falsche Fährte geführt.

Anwaltsbüro eingeschaltet

Lohmeyers sollen gegenüber der Polizei eine Liste mit Personen erstellt haben, die ihnen "feindlich" gegenüberstehen. Auf dieser Liste wird auch die Landtagsabgeordnete der Linksfraktion, Simone Oldenburg, aufgeführt. Oldenburg hat - ebenso wie drei andere Verdächtige - ein Anwaltsbüro aus Wismar eingeschaltet. Es geht um falsche Verdächtigungen und üble Nachrede.

Den Lohmeyers "nicht wohl gesonnen"?

Die Polizei hat die Liste ernst genommen: Oldenburg ist am vergangenen Donnerstag von einem Beamten der Kriminalpolizei Schwerin angerufen worden. Der habe sie befragt, wo sie in der Tatnacht gewesen sei. Gegenüber dem NDR erklärte Oldenburg, sie habe an einen "schlechten Scherz" gedacht. Dafür sei die Sache aber zu ernst gewesen, vor allem nachdem der Beamte ihr erklärt habe, sie stehe auf einer Liste mit insgesamt 13 Namen, die der Familie Lohmeyer nicht wohl gesonnen sein sollen. Sie habe sich "ohnmächtig" gefühlt und hätte "überhaupt kein Verständnis" für das Vorgehen.

2012 Meinungsverschiedenheiten wegen Finanzen

Neben Oldenburg stehen Bernd Kolz, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Gägelow, und der Schatzmeister des örtlichen Kulturvereins Kuso auf der Liste. Kolz ist aktiver Polizist, der Schatzmeister ist pensionierter Polizist. Alle drei kennen die Lohmeyers: Jamel - der Wohnort des Ehepaars - gehört zur Gemeinde Gägelow. Der Kulturverein Kuso, dem auch Oldenburg angehört, hat noch 2012 das jährliche Anti-Rechts Konzert der Lohmeyers - "Jamel rockt den Förster" - unterstützt. Es gab damals wegen der Finanzen Meinungsverschiedenheiten mit den Lohmeyers.

Betroffene wollen sich das "nicht gefallen lassen"

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Die Linken-Politikerin Simone Oldenburg dachte erst an einen schlechten Scherz, als die Beamten sie zur Tatnacht befragen wollten. (Archivbild)

Oldenburg stellt klar, dass sie in der Brand-Nacht am 12. auf den 13. August 2015 zu Hause und nicht in Jamel gewesen ist. Verwundert ist Oldenburg auch, dass sie bei der Befragung nicht über ihre Rechte belehrt worden sei. Oldenburg genießt als Abgeordnete Immunität, also Schutz vor Strafverfolgung. Der weitere Befragte Bernd Kolz sagte, er sei "sprachlos". So etwas dürfe man sich nicht gefallen lassen. Er vermutet ebenso wie der Schatzmeister des Vereins Horst und Birgit Lohmeyer hinter der Liste.

Auch Ex-Unterstützer auf der Liste

Auf der Liste steht auch Jens Kulbatzki, ehemals selbstständiger Veranstaltungsmanager. Auch Kulbatzki bekam am vergangenen Donnerstag einen Anruf der Kripo aus Schwerin. Er wurde nach seinem Aufenthalt zur Tatzeit und nach seinem Alibi gefragt. Kulbatzki hatte bis 2014 geschäftlich mit den Lohmeyers zu tun, er half bei etlichen Fragen rund um das alljährliche "Förster-Konzert" in Jamel. Dabei kam es zuletzt zu kleinen Meinungsverschiedenheiten. Das, so vermutet der 49-jährige Schweriner, habe ihm wohl den Eintrag auf der Verdächtigen-Liste eingebracht. "Mich in die Ecke eines Tatverdächtigen zu stellen ist grenzüberschreitend, das geht zu weit." Auch Kulbatzki überlegt, ob er einen Anwalt einschaltet.

Schritte gegen Oldenburg aktuell gestoppt

Die Staatsanwaltschaft Schwerin scheint peinlich berührt von dem Vorgehen der Polizei. Auf Anfrage erklärte die Staatsanwaltschaft, man habe von den Anrufen und der Liste nichts gewusst. "Wir wären so auch nicht vorgegangen", erklärte Behördensprecher Stefan Urbanek. Erst als das Kind in den Brunnen gefallen sei, habe man diese Ermittlungsschritte gestoppt. Die Polizei wollte sich gegenüber dem NDR nicht äußern und verwies auf die Staatsanwaltschaft. Von dort kam die Auskunft, dass die Liste von den "Geschädigten" - also den Lohmeyers - erstellt wurde, das habe die Polizei bestätigt. Nach Informationen des NDR sind einige Namen auf der Liste durch Marker besonders hervorgehoben.

Caffier verteidigt Polizeiarbeit

Der Fall ist bereits zum Politikum geworden und beschäftigt inzwischen auch Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Er verteidigte im Gespräch mit dem NDR das Vorgehen der Polizei. Es sei lediglich um eine "informatorische Befragung" gegangen, um den Sachverhalt darzustellen. Das sei normale Polizeiarbeit und "rechtlich in Ordnung". Ob der betreffende Polizist bei Art und Inhalt der Frage "das nötige Fingerspitzengefühl walten ließ", dass müsse der Dienstvorgesetzte klären.

Ehepaar Lohmeyer zur Zeit wortkarg

Birgit Lohmeyer gab sich auf Anfrage des NDR - anders als sonst - wortkarg. Sie wolle zu der Frage nach dem Urheber der Liste keine Stellung nehmen. Simone Oldenburg hofft jetzt auf die Arbeit der Anwälte, die sollen herausbekommen, wer die Liste erstellt hat.

Ermittlungen zum Brandanschlag gehen weiter

Im Fall der Brandstiftung in Jamel haben die Ermittler weiter keine Spur. In ersten Äußerungen auch von Landespolitikern wurden Mitglieder der rechten Szene verdächtigt. Das hat sich bisher offenbar nicht bestätigt. "Wir setzen aber darauf, dass wir einen Durchbruch erzielen", so Behörden-Sprecher Urbanek. Simone Oldenburg und die drei anderen gehören nicht zum Kreis der Verdächtigen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 21.10.2015 | 18:00 Uhr