Stand: 11.12.2015 11:57 Uhr

"Wendelstein 7-X" erzeugt erstes Plasma

Hinter 1,80 Meter dicken Wänden hat in Greifswald ein Experiment zur Energiegewinnung der Zukunft begonnen. Rund zehn Jahre nach Beginn der Hauptmontage nahmen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts den Stellarator "Wendelstein 7-X" in Betrieb. Mit der insgesamt rund eine Milliarde Euro teuren Anlage wollen die Forscher die Kernfusion analog den Prozessen auf der Sonne erforschen.

Ein Teil der Kernfusionsanlage "Wendelstein 7-X".

"Wendelstein 7-X" ist in Betrieb

Nordmagazin -

In Greifswald haben Forscher "Wendelstein 7-X" in Betrieb genommen. Die Kernfusions-Anlage soll die Energiegewinnung revolutionieren.

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Am Donnerstagnachmittag ist das erste Plasma erzeugt worden. Gesteuert von einem Kontrollzentrum aus wurden rund zehn Milligramm Helium in ein Magnetfeld einer Vakuumkammer der 725 Tonnen schweren Anlage eingeleitet und auf eine Million Grad erhitzt. "Das ist ein toller Tag", sagte die Wissenschaftliche Direktorin Sibylle Günter nach dem ersten Experiment.

Wanka: International beachtete Spitzenforschung

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) lobte im Gespräch mit NDR 1 Radio MV die bisherigen Forschungen in Greifswald. "Das ist Spitzenforschung für Deutschland, die international beachtet wird - in China versucht man gerade mit Milliarden in den Bereich der Fusionsforschung zu kommen - und wir sind hier sehr weit." Vor allem aber sei die Fusionsforschung mit Blick auf die Energiewende eine riesige Chance, so die Ministerin weiter. Sie könne dafür sorgen, "dass man überhaupt in der Lage ist, große Megacitys in 20 bis 30 Jahren mit Strom zu versorgen." Auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) zeigte sich zufrieden. Die Erfolge zeigten, dass Mecklenburg-Vorpommern ein Standort für weltweit anerkannte Spitzenforschung sei, so Sellering.

Forschung im Extrembereich

Zunächst soll das Gas jeweils nur kurz im Plasmazustand bleiben, erst in den kommenden Jahren wollen sich Techniker und Forscher an den Dauerbetrieb der Anlage herantasten. Die Anlage ist dafür besonders optimiert worden. In dem 725 Tonnen schweren Plasmagefäß mit seinen rund 70 supraleitenden, bizarr gebogenen Magnetspulen, die auf minus 270 Grad heruntergekühlt werden, wollen die Forscher das Verhalten und die Steuerung bis zu 100 Millionen Grad heißer Plasma-Gase erforschen.

Weltweit modernster Stellarator

Dies ist Voraussetzung dafür, dass später Atomkerne verschmelzen können. Eine Fusion selbst ist in Greifswald aber nicht geplant. Für die Erzeugung eines Plasmas aus dem Wasserstoffisotop Deuterium sind Temperaturen von bis zu 100 Millionen Grad erforderlich. Diese Experimente sollen frühestens Ende 2017 beginnen. Mit diesem Wissen hoffen die Spezialisten, später Fusionsreaktoren großer Kraftwerke bauen zu können, die ähnlich den Vorgängen auf der Sonne Energie aus der Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium gewinnen und riesige Mengen Energie freisetzen. "Wendelstein 7-X" ist nach Angaben des Max-Planck-Instituts die modernste Anlage des Typs Stellarator.

Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald

Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik wurde 1960 in Garching bei München gegründet. Ziel ist die Fusionsforschung, um später Kraftwerke zu errichten, in denen Energie aus der Verschmelzung von Atomkernen gewonnen wird. 1994 wurde in Greifswald das Teilinstitut gegründet, um dort mit "Wendelstein 7-X" das weltweit größte Fusionsexperiment vom Typ "Stellerator" zu errichten. In Greifswald arbeiten rund 500 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker aus 16 Ländern. Das Max-Planck-Institut ist Partner in einem internationalen Forschungsnetz, das sich von den USA über Japan, China nach Russland und Europa erstreckt. Der Start der Vorbetriebsphase ist mit einem Umbau der Mitarbeiterstruktur verbunden. Die Zahl der Ingenieure und Techniker wird von 350 auf 210 reduziert, dafür werden mehr Wissenschaftler eingestellt. (Quelle: dpa)

Seit mehr als 60 Jahren forschen Wissenschaftler daran, die Kernfusion als Energiequelle nutzbar zu machen. Auf dem Weg zu einem Kraftwerk konzentriert sich die Fusionsforschung auf zwei verschiedene Experimenttypen, den Tokamak und den Stellarator. Mit "Wendelstein 7-X" soll die Eignung der Kernfusion mit Hilfe dieser sogenannten Stellaratoren nachgewiesen werden.

Kritik und Sicherheitsbedenken

Das Projekt, das aus Mitteln der EU, des Bundes und des Landes Mecklenburg-Vorpommern finanziert wurde, war in der Vergangenheit immer wieder kritisiert worden. Neben den hohen Kosten - sie stiegen im Laufe der Jahre von ursprünglich 500 Millionen auf über eine Milliarde Euro - wurden immer wieder Sicherheitsbedenken laut. Seit 1996 wurde am Bodden am Fusionsexperiment geplant und gebaut. 500 hoch qualifizierte Arbeitsplätze sind in Greifswald entstanden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 10.12.2015 | 15:00 Uhr