Stand: 12.09.2017 14:55 Uhr

"Tripperburgen": Zwangseinweisungen in der DDR

Noch immer werden neue, dunkle Kapitel aus der DDR-Geschichte aufgeschlagen. Ein weiteres, noch kaum bekanntes, heißt "geschlossene Krankenanstalten". Das waren medizinische Einrichtungen, die im Volksmund auch "Tripperburgen" genannt wurden. Jede DDR-Bezirkshauptstadt hatte so eine Anstalt, offiziell wurden darin Frauen mit ansteckenden Haut- und Geschlechtskrankheiten untergebracht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn zwangseingewiesen wurden auch junge Mädchen, die gar nicht krank waren. Die Historikerin Steffi Brüning und die Journalistin Nathalie Nad Abonji bemühen sich um eine Aufarbeitung dieser Geschichte.

Das Schweigen brechen

Viele Frauen können bis heute nicht darüber sprechen. Sie schämen sich dafür, dass sie in der DDR in einer sogenannten geschlossenen Krankenanstalt saßen, wollen nicht, dass Freunde und Familie davon wissen. Die Journalistin Nathalie Nad Abonji interviewte für ein Radiostück mehrere betroffene Frauen. "Das waren Frauen, die gezeichnet sind, die zum Teil große Probleme hatten, danach ihr Leben zu bewältigen."

Steffi Brüning erforscht geschlossene Krankenanstalten

Die Historikerin Steffi Brüning erforscht die geschlossenen Krankenanstalten an der Uni Rostock. "Ab 1961 galt die sogenannte Verordnung zur Verhütung und Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Die sah eigentlich ein mehrstufiges Verfahren vor: Kranke, aber auch Krankheitsverdächtige, die sich einer ambulanten oder einer normalen stationären Behandlung verweigert haben, hätten erst auf diese Anstalten eingewiesen werden dürfen", erläutert Brüning. Allerdings wisse man jetzt durch Patienten- und Staatssicherheitsakten sowie Gespräche mit Zeitzeuginnen, dass das nicht eingehalten wurde, so Brüning.

Ein vergittertes Fenster

Tripperburg

NDR Info - Das Feature -

"Tripperburgen" - zu DDR-Zeiten hießen so die geschlossenen Stationen zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten bei Mädchen und Frauen. Langsam kommt ans Licht, was sich dort abspielte.

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Viele werden gesetzeswidrig festgehalten

Gesetzeswidrig festgehalten wurden vor allem junge Mädchen. Teenager, die als Herumtreiberinnen galten und von der Transportpolizei in die "Tripperburgen" gebracht wurden. Dort mussten die Mädchen peinliche und peinigende gynäkologische Untersuchungen über sich ergehen lassen, obwohl sie nachweislich nicht krank waren. Als Steffi Brüning dies während einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Rostock erzählte, wurde es unruhig im Publikum. Ein pensionierter Allgemeinmediziner ist nicht einverstanden: "Mich ärgert, dass alle, die auf diesen Stationen gearbeitet haben, brutale Behandler gewesen sein sollen. Das kann man so nicht stehen lassen."

Erster Erfolg vor Gericht

Die Historikerin stützt ihre Aussagen auf Krankenakten und historische Dokumente. Die sind aussagekräftig genug, um auch vor Gericht Bestand zu haben. Die Rostocker Rechtsanwältin Verina Speckin hat in Chemnitz eine Betroffene vertreten - mit Erfolg. Ihren Aussagen zufolge "ging es eindeutig darum, dass sie sich mit Personen auf der Straße herumtrieb, die man für unmoralisch hielt, die lange Haare hatten, die das System ablehnten."

Zahl der geschlossenen Anstalten in der DDR unklar

Wie viele "Tripperburgen" es in der DDR gab und wie viele Mädchen und Frauen widerrechtlich darin untergebracht waren, lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Die Rostocker Krankenanstalt zum Beispiel wurde 1979 geschlossen, Akten aus dieser Zeit gibt es nicht mehr.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 12.09.2017 | 17:00 Uhr

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