Stand: 25.07.2017 15:42 Uhr

Schifffahrt: Dieselschwaden über Warnemünde

Bild vergrößern
Die Kreuzfahrtschiffe bringen zwar viele Touristen nach Rostock, ihre Abgase sind aber eine starke Belastung, warnen Umweltschützer. (Symbolbild)

"Die Luft ist rein in Mecklenburg-Vorpommern", das ist die Botschaft des "Luftgüteberichtes 2016". An keiner der 16 Messstationen im ganzen Land habe es Grenzwertüberschreitungen gegeben, so das zuständige Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie im aktuellen Bericht. Umweltschützer wollten das so nicht stehen lassen. Besonders mit Blick auf die Messwerte im Rostocker Seekanal.

Schadstoffe in der Luft mit bloßem Auge zu sehen

Wenn bei Windstille am frühen Morgen mehrere Kreuzfahrtschiffe die Molenköpfe in Warnemünde passieren und in Richtung Hafen fahren, sind am Himmel gelbliche Schlieren auszumachen. Dazu erklärt der Berliner Umweltexperte Axel Friedrich: "Das sind Schwefeldioxid-Emissionen, die als Sulfat-Partikel in der Luft kondensieren." Dass die Schadstoffe mit bloßem Auge zu sehen sind, ist für Friedrich nicht weiter verwunderlich: "Ein solches Kreuzfahrtschiff ist ein kleines Kraftwerk, das hier ohne Abgasnachbehandlung in den Hafen einfährt."

Ein Teil der gefährlichen Partikel wird nicht erfasst

Friedrich war jahrelang im Bundesumweltamt tätig. Seine Gutachten haben 2015 den Diesel-Skandal mit ins Rollen gebracht. Der Umweltexperte kennt Warnemünde auch von eigenen Messungen: Je nach Windrichtung sei dort eine hohe Belastung der Menschen gegeben. "Es gibt ultrafeine Partikel, die in die Lunge eindringen, durch die Lungenwand gehen und Herzinfarkte auslösen können", so Friedrich. Das werde hier aber gar nicht erfasst.

Hafenkapitän: Hohe Strafen schrecken ab

Dass die Schifffahrt zu höherer Luftbelastung führt, bezweifelt auch Rostocks Hafenkapitän Gisbert Ruhnke nicht. Grenzwertüberschreitungen aber gebe es nur im zulässigen Bereich. Seit zwei Jahren werde insbesondere auf die Schwefelbelastung geachtet. "Hinzu kommt, dass sich speziell in der Ostsee alle Reedereien an diese Richtlinie halten, weil die Bestrafung bei Verstößen dermaßen hoch ist, dass sich das keiner mehr traut", sagt Ruhnke.

Nur indirekte Kontrolle, keine Messung

Ruhnkes Hafenamt und die Wasserschutzpolizei kontrollieren sowohl nach Protokoll als auch im Verdachtsfall. Mit Blick auf die verschärfte Schwefelrichtlinie hat die Polizei seit Jahresbeginn 176 Kontrollen an Bord durchgeführt. In 20 Fällen wurden Verstöße festgestellt. Umweltsünder im schwerkriminellen Sinne waren nicht darunter, heißt es. In Warnemünde gibt es allerdings kein Instrument, das messen könnte, was bei der Einfahrt in den Seekanal tatsächlich durch den Schornstein geht. Kontrolliert werden Schiffsdokumente, die Zusammensetzung des Kraftstoffs per Stichprobe und Schiffsbetriebszeiten.

Ungleiche Behandlung von Schiffen und Lastwagen

Hafenkapitän Ruhnke verweist bei der Umweltbilanz auf die vielfach größeren Ladekapazitäten von Schiffen im Vergleich zu Lastwagen. Umweltexperte Friedrich verweist dagegen auf sehr unterschiedliche Bedingungen auf dem Wasser und an Land: "Es gibt keinerlei Partikelgrenzwerte für Schiffe." An Land dürften sie nicht betrieben werden. "Und die Emissionsgrenzwerte für Stickstoffdioxid und -monoxid sind so hoch, dass sie ungefähr um den Faktor 30 höher pro Kilowattstunde als die für Lkw sind. Hier ist eine massiv höhere Belastung durch die Schiffe gegeben."

Landstromanschlüsse als Lösungsansatz in Arbeit

Friedrich fordert unter anderem, dass die Höhe der Liegeplatzgebühren in Abhängigkeit der Emissionswerte der Schiffe gestaffelt wird. Für Hafenkapitän Ruhnke ist dagegen das Konzept von Landstromanschlüssen konkreter. Eine Arbeitsgruppe sei schon am Werk, sagt er. Außerdem sollen die Liegeplätze der Kreuzfahrtschiffe nach Süden ins alte Hafenbecken der Warnowwerft umziehen. Das senkt zwar die Schadstoffbelastung nicht, beim vorherrschenden Nord-West-Wind weht der Dieseldunst dann aber wenigstens nicht mehr auf direktem Wege in die Küchenfenster der Anwohner auf der Hohen Düne im Osten.

Weitere Informationen

Luftbelastung in MV unter dem Grenzwert

An allen 16 Luftmess-Stationen in Mecklenburg-Vorpommern werden die Grenzwerte eingehalten. Auch in Rostock-Hohe Düne blieben die Werte trotz Hafennähe und Kreuzfahrtverkehr im Toleranzbereich. (24.07.2017) mehr

NABU begrüßt Kreuzfahrtschiffe mit Gasantrieb

Der NABU hält den Bau von Kreuzfahrtschiffen mit Flüssiggasantrieb für einen Schritt in die richtige Richtung. Auch die Papenburger Meyer Werft baut Luxusliner mit Gasantrieb. (17.11.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.07.2017 | 16:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

00:39

Hafenausbaggerung in Berndshof beginnt

13.12.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
00:48

Höhere Sicherheitsanforderungen beim EWN

13.12.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
00:41

Vergewaltigungsvorwurf bestätigt sich nicht

13.12.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin