Stand: 17.02.2016 07:33 Uhr

Polizeipanne: Ermittlungen gegen Schussopfer

Der fehlgeschlagene Zugriff eines Hamburger Mobilen Einsatz-Kommandos (MEK) in Lutheran (Landkreis Ludwigslust-Parchim) ist möglicherweise anders abgelaufen als bisher bekannt. Die Schweriner Staatsanwaltschaft hat am Dienstag Ermittlungen gegen den Autofahrer eingeleitet, der bei dem Einsatz am vergangenen Freitag mit einem Kopfschuss lebensgefährlich verletzt worden war. Wie ein Sprecher mitteilte, deuteten die Schäden an den Fahrzeugen darauf hin, dass der Mann versucht habe, eine Sperre aus zivilen Polizeifahrzeugen zu durchbrechen.

Verhängnisvoller MEK-Einsatz in Lutheran

Wie lief der Einsatz wirklich ab?

Die gegen das Schussopfer eingeleiteten Ermittlungen decken sich mit Verlautbarungen aus Hamburger Polizeikreisen, über die NDR 90,3 am Dienstag berichtete. Demnach soll der in einem Geländewagen gestoppte Mann versucht haben, sich gewaltsam der Festnahme zu entziehen, als der Schuss fiel. Wie es hieß, hätten sich die Beamten in Lutheran durch den Ruf "Polizei - sofort aussteigen!" klar zu erkennen gegeben. Dennoch hätte der Fahrer des Geländewagens Vollgas gegeben und versucht, die aus zwei Zivilfahrzeugen bestehende Polizeiabsperrung zu durchbrechen. Als er auf die Polizisten zugerast sei, habe ein MEK-Beamter auf den Wagen geschossen, um seine Kollegen zu schützen. Laut Hamburgs Polizeipräsident Ralf Meyer gibt es deutliche Schäden an den Polizeifahrzeugen, die diese Version bestätigen. Ob der Fahrer gezielt Beamte verletzen wollte, wird noch untersucht. Noch gebe es keine Details, die Ermittlungen liefen, erklärte Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD).

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Anwalt erhebt schwere Vorwürfe

Die Spezialkräfte wollten eigentlich den verurteilten Straftäter aus dem Hamburger Rotlichtmilieu, Nico S., festnehmen. Sie vermuteten ihn am Steuer des Geländewagens, in dem aber - wie sich später herausstellte - zwei offenbar Unbeteiligte saßen. Der Fahrer wurde bei der Aktion durch einen Kopfschuss aus einer Polizeiwaffe lebensgefährlich verletzt. Mittlerweile hat sich der Zustand des Mannes stabilisiert.

Sein Anwalt erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Unter anderem sei im Vorfeld sehr schlampig ermittelt worden. Zudem sei überhaupt nicht ersichtlich gewesen, dass vor Ort Polizisten agierten: Die Männer hätten keine Polizeiwesten, sondern Armeejacken und Sturmhauben getragen und hätten eher wie Kriminelle ausgesehen. Die Schweriner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Polizeibeamten, der den Schuss abgab. Sie prüft auch, ob eine Gefahrenlage den Schuss möglicherweise rechtfertigen konnte.

Landtagsopposition verlangt Aufklärung

Der Einsatz hat auch ein politisches Nachspiel. Die Opposition aus Linken und Grünen verlangt eine Unterrichtung im Innenausschuss des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern. "Es gibt jede Menge Ungereimtheiten, wir müssen die Fehlerkette hinterfragen", sagte der Innenexperte der Linksfraktion, Peter Ritter. Die Opposition erwarte etwa Aufklärung darüber, womit dieser Einsatz begründet war, sagte Ritter. "Herrschte Gefahr im Verzug? Welche Ermittlungen gingen dem Einsatz voraus?," so Ritter.

Zusammenhang mit Verwechslung in Plau am See?

Auch die Frage, in welchem Zusammenhang ein Einsatz der heimischen Polizei in Plau am See zwei Tage zuvor mit dem Fall in Lutheran stehe, sei zu stellen. Dort hatten Kräfte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) aus Mecklenburg-Vorpommern bei der Fahndung nach dem Gesuchten drei Arbeiter auf einer Baustelle überwältigt. Das Thema steht Ritter zufolge auf der Tagesordnung der nächsten Innenausschuss-Sitzung in der kommenden Woche.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.02.2016 | 06:00 Uhr