Stand: 29.06.2017 21:46 Uhr

Pflege in MV: Stationär vor ambulant?

von Louisa Maria Giersberg, NDR 1 Radio MV
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Die 29-Jährige Anne Passehl wurde bisher zuhause von von fünf Pflegern versorgt.

In Deutschland gilt der Grundsatz "ambulant vor stationär". Das ist finanziell günstiger und es entspricht dem Wunsch vieler Menschen. Denn 90 Prozent wollen, dass sie im Pflegefall solange wie möglich zu Hause bleiben können. Dafür braucht man aber Personal und daran hakt es - vor allem in Mecklenburg-Vorpommern. Das bekommt auch Anne Passehl zu spüren. Die 29-Jährige lebt seit 2014 in ihrer eigenen Wohnung in Rostock. Sie leidet an Spina Bifida, dem so genannten offenen Rücken. Sie wird künstlich ernährt, bekommt Sauerstoff, hat eine Kanüle im Hals, die ihr das Atmen erleichtert, außerdem ist sie geistig behindert. Fünf Pflegerinnen kümmerten sich bislang rund um die Uhr in Zwölfstundenschichten um die junge Frau. Tagsüber begleiteten sie Anne in die Werkstatt für behinderte Menschen, nachts waren sie bei ihr, sie sind sogar gemeinsam in den Urlaub gefahren. Seit November 2016 suchen die Passehls neue Pflegerinnen - eine war krank geworden, eine andere weggegangen. Im Moment halten drei Frauen den Laden am Laufen.

Ein pflegebedürftiger Mensch sitz in einem Rollstuhl und eine Person lehnt sich runter.

Zu wenig Personal für ambulante Pflege

Nordmagazin -

Viele pflegebedürftige Menschen möchten lieber zu Hause gepflegt werden. Doch es gibt zu wenig Personal, um allen diesen Wunsch zu erfüllen. Das erlebt auch Anne Passehl.

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Kopfgeld für Fachkräfte

"Unsere Pflegerinnen arbeiten im Moment 200 Stunden im Monat - so kann das nicht weitergehen", sagt Annes Mutter, Sabine Passehl, resigniert. Weil sich keine Pflegerinnen mehr bewerben, muss Anne Mitte Juli in ein Heim umziehen. Für ihre Mutter ein schrecklicher Schritt: "Wir wollten für unser Kind nie eine Einrichtung suchen müssen. Aber mittlerweile werben Pflegedienste und Krankenhäuser die Leute mit einem Kopfgeld ab. Da können wir nicht mithalten." Finanziert wurde die 24-Stunden-Pflege über das so genannte persönliche Budget. Familie Passehl erhielt 16.000 Euro pro Monat von der Krankenkasse. Davon organisierte sie ihre Pflege selbst, schloss Verträge, handelte Gehälter aus. "Unsere Pflegekräfte haben alle mindestens 13 Euro die Stunde bekommen, wir hatten fast keinen Krankenstand", erzählt Sabine Passehl. "Die ambulanten Pflegedienste, die früher zu uns nach Hause gekommen sind, haben 24.000 Euro gekostet!"

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Schlechte Arbeitsbedingungen, relativ schlechte Bezahlung

Derzeit gelten knapp 80.000 Menschen als pflegebedürftig. Das sind fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit ist der Nordosten mal wieder Spitze - im negativen Sinne. Gleichzeitig arbeiten knapp 15.000 Beschäftigte im stationären und 10.000 im ambulanten Pflegebereich. Auch diese Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen, aber nur leicht. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist im Vergleich dazu aber explodiert. Allein zwischen 2011 und 2015 waren 11.000 Pflegebedürftige hinzugekommen. Gründe, warum es zu wenige Fachkräfte in der Pflege gebe, könne er viele nennen, sagt Friedrich Wilhelm Bluschke, Vorsitzender des Pariätischen in Mecklenburg-Vorpommern. Die Arbeitsbedingungen seien schlecht. Der Personalschlüssel in den Heimen sei nach wie vor schlecht. MV habe die schlechteste Personalausstattung bundesweit, damit müsse eine Fachkraft viel zu viele Menschen betreuen. Außerdem zahlten immer noch 60 Prozent der jungen Menschen im Nordosten ein Schulgeld, um einen Pflegeberuf zu erlernen. "Auch wenn wir auf Bundesebene mit dem neuen Pflegeberufegesetz erreicht haben, dass ab 2020 bundesweit kein Schulgeld mehr gezahlt werden muss, haben wir es eben bis dahin noch in Mecklenburg-Vorpommern. Das könnte man sofort weglassen!"

Beruf attraktiver machen

Es sei wichtig, die Attraktivität des Berufes in den Vordergrund zu stellen, über Fort- und Weiterbildungen aufzuklären, über verschiedene Ausbildungen, sagt die zuständige Sozialministerin Stefanie Drese (SPD). Zudem habe sich Mecklenburg-Vorpommern mit anderen norddeutschen Ländern zusammengeschlossen, um eine Imagekampagne für den Pflegeberuf zu starten. Unglücklich dabei: Die Bezahlung der Fachkräfte ist ausgerechnet in anderen norddeutschen Ländern wie Schleswig-Holstein oder Hamburg deutlich besser als hierzulande - deswegen wandern viele von Ost nach West. Da könne Politik nicht viel tun, erklärt Drese. Aber sie hoffe, dass sich durch die neue gemeinsame Ausbildung von Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflegern die Bezahlung auch in Mecklenburg-Vorpommern deutlich verbessere. Das hält Friedrich Wilhelm Bluschke vom Pariätischen für unwahrscheinlich.

Enttäuschung und Frustration

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"Mir macht das ziemlich zu schaffen," sagt Annes Mutter Sabine Passehl über den Umzug ihrer Tochter.

Familie Passehl muss jetzt Koffer packen, die liebevoll eingerichtete Wohnung in der Rostocker Innenstadt aufgeben. "Mir macht das ziemlich zu schaffen", sagt Sabine Passehl. "Das war perfekt für Anne und wir hätten so auch gerne weitergemacht, wenn wir nur Leute gefunden hätten." Wenn die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich steigt und die Zahl der Pflegenden nur leicht, dann wird sich das Verhältnis zwangsläufig verschlechtern. Zukünftig könnten also immer mehr Menschen von immer weniger Fachkräften gepflegt werden. Eine Horrorvision, findet Sabine Passehl. "Wir werden alle älter, wir werden auch kränker, also brauchen wir auch mehr Hilfen. Aber die Pflegedienste können das ja gar nicht mehr abdecken und das macht mir fürchterliche Angst."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.06.2017 | 16:10 Uhr

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