Stand: 29.09.2015 14:57 Uhr

Großunterkunft öffnet - Flüchtlingsrat warnt

Der Landesflüchtlingsrat hat angesichts der jüngsten Gewalt in Flüchtlingsheimen vor der Errichtung weiterer Großunterkünfte wie der in Mühlengeez bei Güstrow gewarnt. "Konflikte sind kein Wunder, wenn man viele Menschen auf engstem Raum hält", sagte die Vorsitzende Ulrike Seemann-Katz am Dienstag in Schwerin. In der auf 1.500 Bewohner ausgelegten Unterkunft mit Großzelten auf dem Gelände der Landwirtschaftsmesse MeLa in Mühlengeez (Landkreis Rostock) kamen am Mittag die ersten rund 50 Flüchtlinge an. Im Laufe des Tages wurden weitere erwartet. Die Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan waren zunächst über Wien und Hamburg in die Erstaufnahmeeinrichtung in Horst bei Boizenburg gekommen und dann nach Mühlengeez gebracht worden. Die meisten Flüchtlinge hätten die Strapazen ganz gut überstanden, seien aber nach der langen Flucht kaputt, sagte Innenminister Lorenz Caffier (CDU) bei deren Ankunft.

Gang durch die größte Notunterkunft des Landes

Rund 3.000 Flüchtlinge in MV in Notunterkünften

Seemann-Katz bezeichnete die Unterbringung in solch großen Einrichtungen wie in Mühlengeez als "unmenschlich". Auseinandersetzungen entzündeten sich schon an alltäglichen Dingen wie etwa unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen oder beim Warten in der Kantine. Seemann-Katz sagte, die Flüchtlinge wüssten oft nicht, wie es weitergeht, es fehle zudem an Dolmetschern. Nach Informationen des NDR kommt erschwerend hinzu, dass die Menschen aus den im ganzen Land verteilten Notunterkünften nach Horst hin- und zurückgefahren werden müssen. Denn derzeit kann nur in Horst der Asylantrag gestellt werden. Bis es soweit ist, werden die Flüchtlinge in Notunterkünften untergebracht. Derzeit leben dort fast 3.000 Betroffene. Innenminister Caffier will künftig mehr Großunterkünfte schaffen und kleinere schließen, weil große Einheiten leichter zu bewirtschaften sind und so die Zahl der Busfahrten verringert werden kann.

Wartezeiten verlängern sich

Die Wartezeiten auf die Asylantragstellung verlängern sich derzeit in Mecklenburg-Vorpommern. In Horst werden laut Ministerium derzeit bis zu 100 Asylanträge täglich registriert, es kommen jedoch täglich im Schnitt 200 Menschen neu an. Eine zweite sogenannte Bearbeitungsstrecke für Asylanträge könne voraussichtlich Mitte Oktober in Schwerin in Betrieb genommen werden, hieß es.

Ein Zelt für 400 Menschen

In Mühlengeez sollen bis zu fünf große Zelte Flüchtlingen als Unterkunft dienen. Ein erstes Großzelt für zunächst 400 Menschen ist eröffnet worden. Im riesigen Innenraum sind mit Stellwänden zahlreiche 40 Quadratmeter große Räume entstanden. Zehn Menschen finden darin jeweils Platz. Dort soll den Familien wenigstens ein bisschen Privatsphäre geboten werden, bis sie nach wenigen Tagen in die Unterkünfte der Landkreise gebracht werden. Das Mobiliar ist karg: rote Plastikliegen und Plastikstühle. Die Zelte können im Winter mit Heißluft bis auf 20 Grad beheizt werden, wie der technische Leiter der Unterkunft, Helmut Goldschmidt, sagte.

Plastikwände, grauer Teppich

Zu essen bekommen die Flüchtlinge in einer großen Mensa, Dusch- und Toilettencontainer stehen ebenfalls bereit. Die Wände der Unterkünfte sind aus Plastikplatten, grauer Teppich liegt auf dem Boden. Inzwischen ist auch der Boden des Geländes mit Holzhack-Schnitzeln belegt. So soll verhindert werden, dass sich nach lang anhaltendem Regen Schlammpfützen bilden. Die Wege zu den Toiletten oder Duschen sind mit Plastik ausgelegt. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) setzt 120 Mitarbeiter für die Flüchtlingsbetreuung ein, bis zuletzt wurde noch Personal gesucht. Einwohner und Unternehmer aus der Region sagten bereits ehrenamtliche Unterstützung zu.

Hilfsorganisationen suchen haupt- und ehrenamtliche Helfer

Auch in anderen Landesteilen und dortigen Notunterkünften werden noch Helfer gesucht. Wie NDR 1 Radio MV am Dienstag berichtete, suchen das Deutsche Rote Kreuz und die Malteser noch haupt- und ehrenamtliche Betreuer. Interessierte können sich auf der Internet-Seite des DRK oder des Landkreises Rostocküber die Stellen informieren oder ihre Bewerbungen direkt vor Ort abgeben, hieß es. Auch THW, ASB, Johanniter und das Team MV suchen noch ehrenamtliche Helfer für die Arbeit in den Notunterkünften.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.09.2015 | 15:00 Uhr