Stand: 15.02.2016 16:52 Uhr

Nach Kopfschuss: Anwalt kritisiert Ermittler

Der Anwalt des bei einem missglückten Polizeieinsatz in Lutheran (Landkreis Ludwigslust-Parchim) schwer verletzten Autofahrers hat schwere Vorwürfe gegen die Ermittler erhoben. "Da ist schlampig ermittelt worden, es saßen die Falschen im Auto", sagte Rechtsanwalt Benjamin Richert der Deutschen Presse-Agentur. Richert kündigte an, die Polizisten unter anderem wegen Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr anzuzeigen.

Schussopfer außer Lebensgefahr

Bei der Fahndung nach einem Straftäter aus dem Hamburger Rotlichtmilieu war es am Freitag in Lutheran bei Lübz zu einem verhängnisvollen MEK-Einsatz gekommen. Ein Polizeibeamter aus Hamburg hatte einen 27-Jährigen Autofahrer mit einem Schuss durch die Seitenscheibe lebensgefährlich verletzt. Die genaueren Umstände der Aktion werden derzeit untersucht. Der Mann verlor ein Auge, erlitt Schädelverletzungen und liegt im künstlichen Koma. Nach NDR Informationen schwebt er nicht mehr in Lebensgefahr. Der eigentlich Gesuchte, gegen den ein Haftbefehl vorliegt, befand sich gar nicht in dem Wagen.

Verhängnisvoller MEK-Einsatz in Lutheran

Staatsanwaltschaft: Ermittlungen laufen "auf Hochtouren"

Die Staatsanwaltschaft bestätigte dem NDR, gegen den Schützen wegen Körperverletzung im Amt zu ermitteln. Die Ermittlungen zu den genauen Umständen des Vorfalls liefen "auf Hochtouren", erklärte Sprecher Stefan Urbanek dem NDR. Demnach habe es möglicherweise eine durch einen Polizisten als solche empfundene Gefährdungslage gegeben. "Ob der Schuss gerechtfertigt war, ist Gegenstand der Ermittlungen", so Urbanek. Laut vorherigen Angaben der Staatsanwaltschaft wurden in dem Pick-Up keine Waffen gefunden. Ob der Fahrer des Wagen möglicherweise auf die Beamten drauflos gefahren sei und wie viele Schüsse insgesamt abgegeben wurden, kommentierte Urbanek nicht.

"Ein gezielter Schuss "

"Das waren Zufallsopfer, ein krasser Irrtum", sagte Anwalt Richert. Nach den Worten des Anwalts seien die beiden Insassen lose mit dem Gesuchten bekannt. Die beiden hatten demnach den Wagen bei der Mutter des Gesuchten ausgeliehen, um damit Dachbleche für den Bau eines Holzlagers zu transportieren. Dann sei der Wagen von Zivilfahrzeugen des MEK in Lutheran abgedrängt und eingekeilt worden. "Es war sicherlich ein gezielter Schuss auf den Fahrer", sagte Richert dem Nordmagazin des NDR Fernsehens. Der Schuss sei gezielt durch die Fahrertür auf den Kopf des Fahrers abgegeben worden. Warum, sei ihm unerklärlich, so Richert. Möglicherweise habe sich der Pick-Up-Wagen nach dem Zugriff "noch ein Stück vorwärts bewegt" und die Beamten hätten sich dadurch in Gefahr gewähnt, so der Anwalt.

Weitere Informationen
07:07 min

Anwalt: "Es war ein gezielter Schuss auf den Fahrer"

15.02.2016 19:30 Uhr
Nordmagazin

Nach dem verhängnisvollen MEK-Zugriff in Lutheran mit einem Schwerverletzten erhebt der Anwalt des Opfers, Benjamin Richert, schwere Vorwürfe. Es sei schlampig ermittelt worden. Video (07:07 min)

Anwalt: Gesuchter will sich schon bald stellen

Richert vertritt nach eigenen Angaben sowohl den angeschossenen 27-Jährigen als auch den Gesuchten. Der Jurist war nach eigenen Angaben zufällig kurz nach dem Zugriff selbst am Tatort in Lutheran, weil er sein Kind aus dem Kindergarten abholen wollte. Er habe seinem Mandanten empfohlen, sich zu stellen, sagte Richert. Das habe der Mann auch für die nächsten zehn bis 14 Tage zugesagt. Bis dahin wolle er noch verschiedene berufliche und private Dinge regeln. Bei dem Gesuchten handelt es sich laut der Staatsanwaltschaft Hamburg um den wegen schwerer Körperverletzung zu einer mehr als zweijährigen Haftstrafe verurteilten Nico S.

Zuvor Verwechslung an Baustelle

Im Zuge der Suche nach dem Mann war es bereits am vergangenen Mittwoch zu einer Polizeiaktion mit Verwechslung in Plau am See gekommen. Kräfte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) aus Mecklenburg-Vorpommern überwältigten dabei drei Arbeiter auf einer Baustelle. Bei der Fahndungsmaßnahme sei es zu einer Verwechslung gekommen, bestätigte das LKA. Es habe viele Anhaltspunkte gegeben, dass sich der Gesuchte auf der betroffenen Baustelle aufhalte. Nach der Ausweiskontrolle sei den Polizeibeamten der Festnahme-Irrtum schnell bewusst geworden, so die LKA-Sprecherin. Einer der Bauarbeiter kündigte an, Strafanzeige gegen die Beamten zu stellen. An der Baustelle soll der gesuchte Geländewagen gestanden haben, auf den am Freitag in Lutheran geschossen wurde.

Weitere Informationen

Folgenschwere Verwechslungen bei Polizei-Einsätzen

Im Zusammenhang mit dem MEK-Einsatz in Lutheran, bei dem ein Mann schwer verletzt wurde, hat es eine weitere Polizeiaktion mit Verwechslung gegeben. Beamte überwältigten drei Arbeiter in Plau am See. mehr

Polizei-Panne? Mann nach Schuss im Koma

Nahe Parchim hat die Hamburger Polizei am Freitag bei einem Einsatz einen 27-Jährigen offenbar versehentlich schwer verletzt. Er war nicht bewaffnet. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.02.2016 | 16:00 Uhr