Sendedatum: 06.04.2011 23:05 Uhr  | Archiv

Medien als Schutz gegen Nazis

von Ajmone Kuqi

Allein unter Nazis. Eine Super-Geschichte für die Presse. Ein Ehepaar, das in ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern gezogen war und nun zwischen lauter Rechtsextremen leben musste. In zahlreichen Fernsehauftritten und Interviews schilderten sie, wie es so ist, wenn rundherum nur rechte Nachbarn wohnen. Und so schafften sie endlich Aufmerksamkeit für ein längst bekanntes Problem. ZAPP über den öffentlichen und damit wirkungsvollen Kampf gegen Nazis.

Ein Schild mit der Aufschrift "Dorfgemeinschaft Jamel frei - soziale - national" © picture-alliance/ZB Fotograf: Jens Büttner

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Sie sind Medienprofis geworden - zwangsläufig. Ein Ehepaar aus Jamel bei Wismar kämpft gegen seine rechten Nachbarn - öffentlich und wirkungsvoll.

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Jamel ist ein kleines Dorf der besonderen Art: Hier gibt es nur zehn Häuser und allein sieben davon sind von Rechtsradikalen bewohnt. Sie haben die Mehrheit im Dorf. Seit sieben Jahren lebt das Ehepaar Lohmeyer hier. Sie wussten, worauf sie sich einließen, aber sie wollten sich damit nicht zufrieden geben. Birgit Lohmeyer erklärt: "Ich denke, wir haben hier das Glück, sozusagen, dieses nationalsozialistische Musterdorf vor der Haustür zu haben, was wir den Menschen zeigen können und sagen können: Da geht es hin Leute, wenn ihr nicht aufpasst."

Das "nationalsozialistische Musterdorf" ist schon seit 20 Jahren immer wieder in den Schlagzeilen und liefert die geradezu klischeehaften Bilder. Doch Birgit und Horst Lohmeyer bieten plötzlich ganz andere Neuigkeiten aus dem braunen Dorf - und verschaffen sich so Gehör in den Medien. "Der Auslöser war eigentlich unser erstes öffentliches Festival, was wir hier in 2007 veranstaltet haben. Da hatten wir relativ breiträumig hier in der Region die Zeitungen und Hörfunksender und auch Fernsehsender informiert über unser Vorhaben, was wir hier machen wollten, und das war auch das erste Mal, dass sich dann Journalisten für uns interessiert hatten", erzählt Birgit Lohmeyer.

Jeden Sommer ein Rockkonzert im Garten

Jedes Jahr schicken sie wieder eine Pressemitteilung an Zeitungsredaktionen. Und so erschienen immer mehr Berichte über das mutige Paar aus dem braunen Musterdorf. In diesem Januar dann veröffentlicht der Spiegel einen Artikel über Jamel und den einsamen Widerstand der Lohmeyers - "Allein unter Nazis".

"Damit begann sozusagen der große Medienhype (...) Es haben sich mittlerweile nicht nur nationale Print- und Fernsehmedien bei uns eingestellt, uns interviewt und Beiträge gebracht, sondern auch internationale  Anstalten und Redaktionsteams sind auf uns aufmerksam geworden", sagt Birgit Lohmeyer. Und plötzlich sind die Lohmeyers gefragt, werden zu Medienstars. Ihr Alltag zwischen Nazinachbarn und Natur ist für viele ein Phänomen.

In der RTL-Sendung "Stern TV" fragt Moderator Steffen Hallaschka Frau Lohmeyer: "Wobei die Fragen schon erlaubt sein muss Frau Lohmeyer, fühlen Sie sich da zu Hause in Jamel?" Birgit Lohmeyer: "Ja, eindeutig, ich glaube sonst wären wir schon längst weggezogen, wenn wir uns nicht schnell sowohl in Jamel als auch in Mecklenburg zu Hause gefühlt hätten."

Weltweites Interesse

Zu Hause in Jamel geben sich Journalisten die Türklinke in die Hand, viele berichten über die Lohmeyers und ihr Dorf. Sie schaffen es sogar in die ausländische Presse.  Berichte über sie erscheinen in Dänemark, Israel und den USA. Horst Lohmeyer: "Die letzten Jahre haben immer wieder gezeigt, dass zum Teil auch sporadisches Medieninteresse vorhanden war, aber dass die uns so überrennen, damit haben wir nicht gerechnet."

Und es tut sich etwas im Dorf. Die Behörden lassen die Schmuddelecken verschwinden und machen Jamel für die Medien vorzeigbarer. Ein besonderer Wegweiser stand noch bis vor kurzem am Ortseingang: Bis zum Geburtsort von Adolf Hitler "Braunau am Inn" sind es "855 Kilometer", erfuhr man darauf. Nun wurde der Wegweiser auf ein Privatgrundstück verbannt. Genauso wie ein Bekenntnis der Dorfgemeinschaft mit dem Schriftzug:  "frei - sozial - national".

"Bisher hat sich nur gezeigt, dass es nur gut war, der Schritt für uns in die Öffentlichkeit, denn bis zu dem Datum waren wir sehr vereinzelt hier mit der Problematik im Dorf. Und wir erleben nach wie vor, also jetzt auch nach Jahren noch und nach gesteigertem Medieninteresse, das als persönlichen Schutz: Je mehr das Dorf bekannt ist, die Zustände hier bekannt sind, bekannt ist, was wir hier tun, wie wir uns positionieren, um so eher fühlen wir uns dann doch geschützt", so Birgit Lohmeyer. Der mediale Wirbel hat die Lohmeyers berühmt gemacht und er schützt sie auch. Vorerst. Noch interessieren sich die Journalisten für das Musterdorf. Doch manchmal gehen die Medien genauso schnell, wie sie gekommen sind.

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ZAPP | 06.04.2011 | 23:05 Uhr