Stand: 18.07.2017 14:10 Uhr

Mecklenburg-Vorpommern - Therapiefreie Zone?

von Louisa Maria Giersberg, NDR1 Radio MV aktuell

Arbeitsverdichtung, permanente Erreichbarkeit oder Multitasking. Viele Menschen fühlen sich in der modernen Welt überfordert, leiden unter Depressionen, steuern auf einen Burn-out zu. Die Zahl der psychisch Kranken sei im Nordosten höher als in anderen Bundesländern, erklärt Henning Kutzbach, Geschäftsführer der Barmer Ersatzkasse in Mecklenburg-Vorpommern: "Gerade hier werden Patienten häufig wegen einer psychischen Diagnose krankgeschrieben. 2016 waren das neun Prozent der Barmer-Versicherten. Deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt."

Zwei Menschen sitzen sich in einer Therapiesituation gegenüber.

Notstand in MV: Zu wenig Psychotherapeuten

Nordmagazin -

Lange Wartezeiten, verzweifelte Patienten, ratlose Therapeuten: Immer mehr Menschen in MV haben psychische Probleme. Doch die Zahl zugelassener Therapeuten stagniert seit Jahren.

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Viele Kranke – wenige Therapeuten

Wartezeiten von drei Monaten, sechs Monaten, einem Jahr sind keine Seltenheit. Und während die Zahl der psychisch Kranken steigt, stagniert die Zahl der Psychotherapeuten. Zwar sind 2013 70 Therapeuten hinzugekommen, sodass heute 330 Psychotherapeuten mit Kassensitz in Mecklenburg-Vorpommern tätig sind. An den langen Wartezeiten habe das aber nichts geändert, klagt Karen Franz von der Vereinigung der Psychotherapeuten im Land: "Durch Mehrarbeit können wir den Bedarf nicht decken." Die einzige Lösung: es müssten mehr Leute eingestellt werden, so Franz. Und dafür sei es wiederum nötig, die sogenannte Bedarfsplanung anzupassen.

Alte Zahlen als Basis

Wo sich Mediziner niederlassen können, hängt von der Bedarfsplanung ab. Sie regelt, wie viele niedergelassene Ärzte in einer Region arbeiten dürfen. Weil die Berechnungsgrundlage aber viele Jahre alt ist, spiegeln die Zahlen den tatsächlichen Bedarf nicht wider. Ein weiterer Pferdefuß: niedergelassene Psychotherapeuten mit einem vollen Kassensitz arbeiten nicht unbedingt "voll", erklärt Karen Franz: "36 Therapiestunden pro Woche gelten als volle Auslastung. Das ist aber fast nicht zu schaffen, wenn man nicht selbst krank werden will. Die meisten Therapeuten bieten deswegen deutlich weniger Stunden an." Die Folge: Selbst wenn ein Therapeut deutlich weniger arbeitet, als es der Kassensitz zuließe, wird eben ein ganzer Sitz blockiert. Die Bedarfsplanung zeigt also nicht, wie viele Therapiestunden tatsächlich im Land angeboten werden, sondern wie viele möglich wären.

Neue Leistungen, alte Probleme

Der Gesetzgeber hat erkannt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen allein gelassen werden, dass die Wartezeiten in Deutschland aus dem Ruder gelaufen sind. Zum 1. April dieses Jahres wurden deswegen neue Leistungen eingeführt. Zum Beispiel vermitteln jetzt die Terminservicestellen auch Ersttermine beim Psychotherapeuten. Diese müssen zu festen Zeiten telefonisch erreichbar sein, 200 Minuten pro Woche - das sind drei Stunden und 20 Minuten - und sie sind verpflichtet, eine feste Sprechstunde anzubieten. Eine gute Idee, um abzuklären, ob jemand wirklich eine Therapie braucht oder besser in einer Selbsthilfegruppe, einer Paartherapie oder gar der Psychiatrie aufgehoben ist, erklärt Johannes Weisang, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Warnemünde. Allerdings gebe es ein "aber": "Wenn Sie die Leute erst mal in der Sprechstunde haben und Sie sehen, es ist wirklich Behandlungsbedarf, dann haben Sie natürlich nicht mehr Psychotherapiesprechstunden in der Woche als vorher, sogar de facto ein bisschen weniger durch die telefonische Erreichbarkeit. Da gehen mir vier Therapiestunden pro Woche flöten, in denen ich keine Patienten behandeln kann."

Nur ein Anfang

Ein weiteres Ziel der Reform ist die Ausweitung der Gruppentherapie. "Drei bis neun Patienten können, wenn es passt, gleichzeitig therapiert werden. Dadurch könnten sich die Wartezeiten verkürzen", hofft Henning Kutzbach von der Barmer. Gruppentherapien seien schlecht bezahlt, der organisatorische Aufwand sei enorm und die meisten Therapeuten hätten gar keine Räume dafür, entgegnet Karen Franz von der Vereinigung der Psychotherapeuten. Sie hofft, dass mehr halbe Kassensitze frei werden. Darauf setzt auch Johannes Weisang: "Weil viele mit einem ganzen Sitz sowieso deutlich weniger arbeiten, also so viel, als hätten sie einen halben Sitz, würde sich die Zahl der Therapiestunden quasi verdoppeln." Die Reform hat bewirkt, dass Patienten nicht mehr automatisch auf dem Anrufbeantworter landen und sie schneller ein Erstgespräch bekommen - auf eine richtige Therapie müssen sie aber weiterhin lange warten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.07.2017 | 17:15 Uhr

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