Stand: 15.09.2017 17:13 Uhr

Landwirt bei Ernte von Wölfen "begleitet"

Diese nächtliche Begegnung der besonderen Art wird Martin Heidenreich vom Landgut Bartow (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) wohl nicht so schnell vergessen. Die Ernte lief gerade auf Hochtouren, und der 26-Jährige arbeitete in der Nacht von Montag auf Dienstag mit seinem Raupenschlepper auf einem Acker bei Pritzenow. Als er nachsehen wollte, ob mit dem angehängten Grubber alles in Ordnung ist, entdeckte Heidenreich plötzlich einen Wolf vor sich: "Als ich mich umdrehte, stand der Wolf hinter der Raupe. Dann kam ein zweiter dazu. Mein Puls war auf 180", sagt Heidenreich im Gespräch mit NDR 1 Radio MV.

Ein Wolf auf einem Feld

Nachts auf dem Feld: Wölfe laufen Arbeiter vor Trecker

NDR 1 Radio MV -

Auf dem Landgut Pritzenow in der Gemeinde Bartow sind Martin Heidenreich nachts bei der Feldarbeit Wölfe begegnet. Der Arbeiter konnte sie vom Trecker aus filmen.

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"Er zeigte keinerlei Angst"

Nachdem der erste Schock verflogen war, stieg der Landwirt sofort in seine Raupe und verrammelte die Tür. "Ich dachte, ich muss ein Foto und ein Video machen, weil mir das sonst keiner glaubt." Das tat Heidenreich auch und schickte die Bilder seinem Chef. "Wir waren uns beide einig, dass ich erstmal in der Raupe bleibe", sagt Heidenreich. Die Wölfe blieben derweil stets dicht bei dem Gespann. Zweifel, dass es sich wirklich um Wölfe und nicht etwa um ausgebüxte Hunde handelte, hatte Heidenreich keine, denn er habe sie lange beobachten können und könne Wölfe gut von Hunden unterscheiden. "Der eine Wolf war sehr scheu", sagt Heidenreich. "Der ist nicht in den Lichtkegel der Raupe gekommen. Aber der andere war ziemlich neugierig. Er ist auf die Raupe zugelaufen und wollte sogar hinten auf den Grubber raufspringen. Er zeigte keinerlei Angst."

Das Wolfs-Comeback in Mecklenburg-Vorpommern

Bis auf acht Meter genähert

Bis auf acht Meter habe sich das Raubtier ihm genähert. Auch als Heidenreich nach einiger Zeit wieder seinen Raupenschlepper in Bewegung setzte und seine Feldarbeit fortsetzte, begleiteten ihn die Wölfe - noch anderthalb Stunden lang. "Dann waren sie plötzlich weg." Rückblickend sieht Heidenreich die Begegnung mit den Raubtieren mit gemischten Gefühlen. "Einerseits sieht man Wölfe ja nicht jeden Tag. Es ist schon ein schönes Erlebnis. Aber jerden Tag muss ich das nicht haben. Es sind ja schließlich Raubtiere."

Debatten um richtigen Umgang mit "Isegrim"

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Unter Nutztierhaltern formiert sich zunehmend Widerstand gegen Wölfe. (Archivbild)

Um den Umgang mit dem Wolf wurde in Mecklenburg-Vorpommern in jüngster Zeit emotional debattiert. Insbesondere Nutztierhalter sehen "Isegrim" zunehmend als Bedrohung für ihre Tiere - trotz Ausgleichsmaßnahmen des Landes. Mit Mahnfeuern machen sie ihrem Unmut Luft. Nachdem Wölfe zuletzt wieder mehrfach Schafe und Rinder gerissen hatten - etwa in Plöwen (Landkreis Vorpommern-Greifswald), Schlesin (Landkreis Ludwigslust-Parchim) sowie Prerow (Landkreis Vorpommern-Rügen), waren erneut aus Bauern- und Jagdkreisen Forderungen laut geworden, den Schutzstatus der Raubtiere einzuschränken, "Problemwölfe" erschießen zu dürfen und eine Wolfsobergrenze einzuführen.

Experten sichten Bildmaterial

Die Wolfsbegegnung auf dem Acker dürfte für weiteren Gesprächsstoff sorgen. Sie beschäftigt auch die Wolfsbeauftragte des Landes, Kristin Zscheile. Für eine abschließende Einschätzung des Vorfalls sei es noch zu früh. Zuerst müssten Bilder und das Video genauer ausgewertet werden, sagte Zscheile dem NDR. "Damit Experten klären, ob es sich tatsächlich um Wölfe gehandelt hat." Denn dies festzustellen, sei gar nicht so einfach, wie erst jüngst ein Fall aus der Lübtheener Heide (Landkreis Ludwigslust-Parchim) gezeigt habe. Dort hatte eine Frau am helllichten Tag an ihrem Gartenzaun einen vermeintlichen Wolf fotografiert hatte, der sich später jedoch eindeutig als Wolfshund entpuppt habe.

Wolfsbeauftragte: Tiere waren womöglich neugierig auf die Maschine

Doch für den Fall, dass es sich bei den beiden Tieren auf dem Acker bei Pritzenow tatsächlich um Wölfe handelte - war deren Verhalten normal? "Typisch im eigentlichen Sinn ist es wahrscheinlich nicht", sagt Zscheile, "wobei die Wölfe in dem Fall ja auch nicht auf einen Menschen reagiert haben, sondern auf eine Maschine. Dass sich in dieser Maschine ein Mensch befindet, realisieren die Tiere gar nicht." Insofern sei das Verhalten der Tiere gar nicht so untypisch gewesen. Schließlich sei es Nacht gewesen, die Tiere hätten sich sicher gefühlt und Licht und Lärm der sich bewegenden Maschine könnten durchaus die Neugierde bei den Tieren ausgelöst haben.

Mindestens drei Rudel im Nordosten

Laut dem Schweriner Agrarministerium leben derzeit mindestens drei Wolfsrudel und mehrere Wolfspaare im Nordosten. Dass auch in der Gegend zwischen Demmin und Anklam Wölfe vorkommen, hält Zscheile durchaus für möglich. "Wir haben Belege dafür, dass vor allem im östlichen Bereich der Bromer Berge ein Wolfspaar zumindest im Frühjahr unterwegs war." Hinweise darauf, dass es in diesem Jahr bei diesem Paar Welpen gegeben hätte, gebe es noch keine. "Wir versuchen, das zu klären."

Neun Todesfälle in den vergangenen 50 Jahren in Europa durch Wölfe

Doch wie schätzt die Expertin die Gefahr durch Wölfe für den Menschen ein? "In der Regel verneinen wir dies." Es habe in den vergangenen Jahrzehnten in Europa kaum Fälle gegeben, in denen Wölfe aggressiv auf Menschen reagiert haben. "Die wenigen Todesfälle, die es in den letzten 50 Jahren in Europa gegeben hat - das waren insgesamt neun - gehen im Wesentlichen auf Tollwut-Ereignisse zurück oder auf angefütterte Tiere, was aber auch eine untypische und menschgemachte Situation ist."

Brauchen wir Wölfe?

Aber was meint die Wolfsbeauftragte: Brauchen wir hierzulande Wölfe? "Das ist eine Frage, die sich letztendlich für mich als Naturschützerin gar nicht stellt", sagt Zscheile. Es handle sich vielmehr um die natürliche Wiederkehr einer Art, die hierzulande jahrtausendelang gelebt habe - genau wie die Menschen. "Der Mensch hat sie über mehrere Jahrhunderte ausgerottet, jetzt sind die Bedingungen so, das die Wölfe auf natürliche Weise wiederkommen." Das sei ein natürlicher Vorgang. Es müsse darum gehen, das Nebeneinander zwischen Mewnsch und Wolf so konfliktarm wie möglich zu gestalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.09.2017 | 14:15 Uhr

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