Stand: 16.02.2016 18:13 Uhr

Landesarchive: Letztes Depot wird geräumt

von Inga Bork, NDR 1 Radio MV

Verrottete Einbäume aus der Steinzeit, verschimmelte Urkunden und Berge von Kartons, von denen niemand wusste, was sich darin befindet. Die Zustände in den Außendepots der Landesarchäologen und -archivare Mecklenburg-Vorpommerns haben viele schockiert. Gut ein Dutzend solcher notdürftigen Lager gab es zwischen Stralsund und Schwerin. In Ludwigslust wird derzeit das letzte Außendepot der Landesarchivare geräumt. Kultusminister Mathias Bordkorb (SPD) hat noch für dieses Jahr ein Programm "zum Erhalt der Kulturgüter" angekündigt. Es hat die Digitalisierung und Restaurierung von gefährdeten Büchern und historischen Urkunden zum Ziel.

Archivaußenlager Ludwigslust

Archiv im ehemaligen Pferdestall

Im Außendepot der Landesarchivare in Ludwigslust - in einem ehemaligen Pferdestall, der schon zu DDR-Zeit als Papierarchiv diente -, stapeln sich die A4-großen Pappkartons deckenhoch. So wie die 200 Jahre alten Akten im Landesfürsorge- und Landesarbeitshaus Güstrow, einer Einrichtung für Vagabunden und Landstreicher, wie es damals hieß. "Teilweise sind diese Akten von Böden gekommen - mit Vogelkot und alles nass", sagt Dieter Manske. Mit einem Tuch und manchmal auch per Staubsauger reinigt Manske die verdreckten Papiere, entfernt Metallklammern, die rosten könnten. "Und dann müssen sie auf Form gebracht werden und dann kriegen sie neue Signatur." Arbeit für Jahre, bei der ab März drei weitere Kollegen helfen sollen. Schließlich müssen noch sieben Regalkilometer Papier verpackt werden, darunter Baupläne aller Mecklenburger Gehöfte sowie armdicke Landtagsprotokolle - die ältesten von 1482.

Ludwigsluster Lager ist "rappelvoll"

Geräumt wird das Ludwigsluster Lager, weil es rappelvoll ist, erklärt Archivoberrat Rene Wiese. "Hinzu kommt, dass wir hier - eine für die 1960er-Jahre moderne Regalanlage haben." Diese Ziehregale sind abgehängt an der Decke und laufen dort auf Rollen und Kugellagern. "Die sind sehr schwer zu bewegen. Hier ist mindestens eine halbe Tonne Archivgut. Das ist Schwerstarbeit für unsere Mitarbeiterinnen", so der Archivoberrat. Ludwigslust ist das 13. von ehemals 19 Außenlagern der Landesarchivare und -archäologen, das geräumt wird. Darunter waren Knochendepots und regelrechte "Schimmellager" - etwa in Stralsund oder bei Schwerin.

Es war gar nicht bekannt, was eingelagert worden war

Wie viele Kulturgüter seit 2009 wegen falscher Lagerung weggeworfen werden mussten, kann der Chef des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege, Michael Bednorz, nicht beziffern. "Das kann man schon deshalb nicht sagen, weil in einigen der Außenlager gar nicht bekannt war, was eingelagert wurde." Sicher sei nur: Das Räumen, Reinigen und Dokumentieren der Kulturgüter aus den Außendepots kostete das Land bislang drei Millionen Euro. Dabei wurde nur ein Bruchteil der Bestände überhaupt erfasst.

Alte Industriehalle als Zwischenlösung

Das soll jetzt nach und nach in einem Zwischenlager in Schwerin-Süd passieren: in einer Industriehalle, in der sämtliche ausgelagerten Kulturgüter eingelagert werden. Dies ist eine Zwischenlösung bis das neue Zentraldepot in der Schweriner Stellingstraße mit Werkstätten und klimatisierten Depots für die Schätze von Staatlichem Museum, Landesarchäologen und Archivaren steht. Mit dem erstem Spatenstich für das neue Depot rechnet das Land im nächsten Jahr - später als ursprünglich geplant. "Es gab da mal eine gewisse Planungspause in den Jahren 2013 und 2014. Eine Finanzierung über EU-Mittel sollte da realisiert werden, das hat aber aus rechtlichen Gründen nicht geklappt", sagt Michael Bednorz.

Nachhaltiges Bauen?

Das heißt, dass die fast 50 Millionen Euro für das neue Depot vom Land allein gezahlt werden. Verkalkuliert wurde sich offenbar auch in puncto nachhaltiges Bauen. Dabei sollte das Zentraldepot eigentlich als Passivhaus mit Dreifachverglasung und regenerativer Energieversorgung Zeichen setzen. Doch all das kann sich das Land nun doch nicht leisten, sagt Sven Schröder vom zuständigen Betrieb für Bau und Liegenschaften. "Wir können nur das investieren, was auch durch den Haushalt innerhalb der 50 Millionen, die wir nicht überschreiten wollen, abgedeckt wird. Wenn wir also versucht hätten, mit diesem Gebäudekomplex eine Zertifizierung zu erreichen, hätten wir gut sechs bis zehn Millionen Euro mehr ausgeben müssen."

Die kleinere Lösung

Fachleute für nachhaltiges Planen und Bauen bezweifeln diese Zahlen: Erfahrungsgemäß müssten maximal fünf Prozent der gesamte Bausumme investiert werden - im Falle des Schweriner Depotneubaus also höchstens 2,5 Millionen Euro. Fakt ist: Das neue Zentraldepot wird ganz klassisch mit teurer Fernwärme versorgt. Und glänzt in Sachen Nachhaltigkeit künftig nur mit einer langlebigen Kupferfassade und begrünten Dächern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 16.02.2016 | 19:15 Uhr