Stand: 13.02.2017 16:53 Uhr

Welche Zukunft hat Geburtshilfe im Nordosten?

von Louisa Maria Giersberg, NDR 1 Radio MV

Die Älteren werden sich erinnern: In Karlsburg wurden mal Kinder geboren. In Teterow und Ribnitz-Damgarten auch. Nach der Wende gab es 22 Geburtsstationen in Mecklenburg-Vorpommern. In den 90er-Jahren wurden erst vier Stationen geschlossen, 2009 und im vergangenen Jahr folgten zwei weitere. Heute gibt es im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern nur noch 16 Orte, an denen Babys zur Welt kommen können.

Tür eines Kreißsaals mit dem Bild eines Storches, der ein Baby bringt.

Nur noch 16 Geburtsstationen in MV

Nordmagazin -

Die Geburtenrate in Mecklenburg-Vorpommern steigt, trotzdem werden Entbindungsstationen geschlossen. Viele von ihnen schreiben rote Zahlen, weil Geburten schlecht vergütet werden.

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37 Krankenhäuser, nur 16 Geburtsstationen

Reicht das? Der zuständige Gesundheitsminister argumentiert mit dem Gesamtbild. Es sei das Ziel, so Harry Glawe (CDU), dass jeder im Land innerhalb von 50 Kilometern ein Krankenhaus erreichen könne und die 37 Kliniken im Land übernähmen diese Rolle zuverlässig. Mehr als die Hälfte dieser Häuser hat aber gar keine Geburtsstation. "Und man kann nicht einfach in eine Hüftklinik gehen und ein Kind bekommen - auch nicht im Notfall. Das hat der Gesetzgeber so festgelegt", gibt Michaela Skott vom Verein Motherhood zu Bedenken.

Lange Wege für werdende Mütter

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Michaela Skott vom Verein Motherhood fürchtet, dass weitere Stationen im Nordosten schließen könnten.

Schwangere Frauen müssten schon heute Wege von über einer Stunde Fahrt zur nächsten Geburtsklinik in Kauf nehmen, klagt Skott. Doch je weiter der Weg, desto höher das Risiko für Mutter und Kind. Trotzdem: Wo man hinschaut, schließen Kreißsäle. Jede dritte Station hat bundesweit in den vergangenen 15 Jahren aufgegeben. Was also, wenn in Mecklenburg-Vorpommern noch mehr Stationen schlössen? Das sei derzeit nicht geplant, antwortet das zuständige Gesundheitsministerium. Das werde kommen, sagt Motherhood.

Geburten sind ein Minusgeschäft

Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen. Schwarze Zahlen sind das Ziel. Entbindungsstationen schreiben aber oft rote Zahlen, weil Geburten schlecht vergütet werden. Rund 1.800 Euro zahlen die Krankenkassen für eine natürliche Geburt - und zwar egal, ob sie zwei oder zwölf Stunden dauert, egal ob Frau und Kind einen Tag oder drei Tage bleiben. Trotzdem muss 24 Stunden, 365 Tage im Jahr Personal vorgehalten werden. Andere Abteilungen sind deutlich lukrativer. Genau deswegen schätzen Experten, dass sich eine Geburtsstation erst ab mindestens 400 Geburten jährlich lohnt. Das bestätigt auch Gesundheitsminister Glawe.

400 Geburten schaffen nicht alle

Folgt man dieser Logik, wären drei der 16 Geburtsstationen im Land von der Schließung bedroht: das Medi-Clin Krankenhaus in Crivitz, das Sana-Krankenhaus in Bergen auf Rügen und das DRK-Krankenhaus in Neustrelitz. In allen drei Häusern wurden im vergangenen Jahr weniger als 400 Kinder geboren. Crivitz winkt ab. Gegenüber dem NDR versichert die Geschäftsführung, dass von Schließung keine Rede sein kann. Gerade sei neues Personal eingestellt worden. Auch in Bergen auf Rügen erfülle man alle Anforderungen, sagt die Leitung. Nur Neustrelitz hat sich nicht geäußert.

Niemand muss eine Geburtsabteilung vorhalten

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Laut Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) entscheidet das Ministerium über die Schließung einer Geburtsstation.

Was aber, wenn eines der Krankenhäuser seine Entbindungsstation doch abstoßen will, weil sie Defizite einfährt? Gesundheitsminister Glawe sagt: "Der Minister entscheidet, ob eine Station schließt oder nicht." Wolfgang Gagzow von der Krankenhausgesellschaft widerspricht. Der Minister könne niemanden zwingen, eine Geburtsstation vorzuhalten, und er könne auch niemanden zwingen, eine Station aufrecht zu halten, die dauerhaft Verluste erwirtschaftet. Wenn die Existenz einer Klinik auf dem Spiel stehe, dann werde der Minister sicher der Schließung einer Station zustimmen, um das ganze Haus zu retten.

Geburtsstationen gehören nicht zur Grundversorgung

Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft schreiben 58 Prozent der Entbindungsabteilungen Verluste - auf dem Land sind es sogar 75 Prozent. Wolfgang Gagzow kann deshalb nicht verstehen, warum es den mit der Krankenhausreform eingeführten sogenannten Sicherstellungszuschlag nur für chirurgische und internistische Stationen gibt. Denn die Zuschläge sollen ja gerade die medizinische Grundversorgung im ländlichen Raum sichern. Die Antwort ist so einfach wie überraschend: Die Geburtshilfe gehört in Deutschland nicht zur Grundversorgung. Michaela Skott sagt dazu: "Jedem, der darüber nachdenkt, muss doch klar sein, dass das nicht richtig sein kann."

Die Lösung? Bessere Vergütung

Heute werden pro Jahr nur noch etwa 13.000 Kinder in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Vor 25 Jahren waren es 30.000. Was ist also die Lösung? Wenn 

Entbindungsstationen überwiegend Miese machen und es keine staatliche Unterstützung gibt, müssen Geburten besser vergütet werden. "Es muss finanziell attraktiv sein, Kinder auf die Welt zu holen", sagt Wolfgang Gagzow. Und auch Michaela Skott findet: "Das Vergütungssystem muss dringend umgestellt werden, dann gibt es auch weiterhin eine wohnortnahe Versorgung." Und wenn nicht? "Dann werden die Häuser ihre Entbindungsabteilungen schließen." Mit der Folge: noch längere Wege für werdende Eltern und Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 13.02.2017 | 17:10 Uhr

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