Stand: 13.10.2015 07:12 Uhr

Feuer in Notunterkunft: Es war Brandstiftung

Nach dem Feuer in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Boizenburg (Landkreis Ludwigslust-Parchim) geht die Polizei von Brandstiftung aus. Die Ermittlungen des Brandsachverständigen hätten gesicherte Erkenntnisse geliefert, dass Brandstiftung vorliegt, sagte Stefan Urbanek von der Schweriner Staatsanwaltschaft am Montag. So seien die Fenster in der Einrichtung geöffnet gewesen - offenbar, um den Brand so zu beschleunigen. Die geplante Notunterkunft war in der Nacht zum Montag ausgebrannt. Der Sachschaden nach dem Großfeuer beläuft sich nach Schätzungen der Polizei auf rund 350.000 Euro. Verletzt wurde niemand. Das Fachwerkhaus war gerade erst renoviert worden, nun ist es unbewohnbar.

Syrische Flüchtlinge sollten am Donnerstag einziehen

Nach Angaben von Boizenburgs Bürgermeister Harald Jäschke (parteilos) sollten in dem früheren Arbeiterwohnheim am Donnerstag 40 syrische Flüchtlinge einziehen. Das dreistöckige Mehrfamilienhaus stand zum Zeitpunkt des Feuers am späten Sonntagabend leer. Die Löscharbeiten durch rund 100 Feuerwehrleute dauerten mehr als vier Stunden. Ein Brandursachenermittler und der Staatsschutz nahmen im Lauf des Montags die Ermittlungen auf.

"Das ist blanker Terrorismus"

Landespolitiker verurteilten den Brandanschlag scharf: "Das ist blanker Terrorismus. Menschen, die so etwas tun, müssen von Polizei und Staatsschutz verfolgt und mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden", forderte SPD-Landtagsfraktionschef Norber Nieszery. "Es gibt Null-Toleranz für die Straftäter, ganz gleich, aus welcher Motivation heraus solche Taten begangen werden", betonte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Hetzkampagnen der NPD und Demonstrationen aus der rechtsextremistischen Szene seien darauf angelegt, eine fremdenfeindliche Stimmung in der Bevölkerung zu schüren, so Caffier weiter.

Höchste Priorität bei der Aufklärung

Der Landrat von Ludwigslust-Parchim, Rolf Christiansen (SPD), verurteilte den Brandanschlag aufs Schärfste. Mit dem Anschlag sei auch ein Imageschaden für die Stadt und den Landkreis entstanden. Er hoffe, dass die Täter schnell gefasst werden. Für Peter Ritter von der Linksfraktion im Landtag belegten die anhaltenden Attacken, "dass die Saat der geistigen Brandstifter, die auf den sogenannten asylkritischen Demonstrationen Seite an Seite mit der rechtsextremistischen NPD gelegt wird, zunehmend aufgeht." Die Aufklärung der Brandanschläge müsse bei der Landesregierung höchste Priorität genießen, forderte auch Johannes Saalfeld von den Grünen.

Zwischenfälle häufen sich

Der Brand in Boizenburg ist bereits der fünfte Zwischenfall in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen drei Wochen. Am Sonntagmorgen schleuderten Unbekannte mit Brandbeschleuniger gefüllte Glasflaschen auf ein Gebäude in Trassenheide auf Usedom. Hier sollen 15 Flüchtlinge untergebracht werden. In einer geplanten Unterkunft in Sellin auf Rügen hatten Unbekannte am 7. Oktober eine übelriechende Flüssigkeit verschüttet. In Laage brannte der Dachstuhl eines Haus aus. Und in Pinnow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) gab es eine Attacke mit Feldsteinen, bei der Fenster zu Bruch gingen. Deutschlandweit gab es seit Jahresbeginn bereits 500 Anschläge mit fremdenfeindlichem Hintergrund.

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