Stand: 19.01.2013 16:23 Uhr

Erstmals Wasserweihe am Schweriner See

von Henning Strüber, NDR.de
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Erstmals feierten russisch-orthodoxe Gläubige in Schwerin die traditionelle Wassertaufe.

Dreimal taucht Priester Dionisij Idavain das goldene Kreuz ins eiskalte Wasser, dann ist der Schweriner See geweiht. Und mit ihm die gesamte Schöpfung. So sieht es das Ritual der Großen Wasserweihe vor. Russisch-orthodoxe Christen feiern dieses wichtige Fest traditionell am 19. Januar. An diesem Tag wurde laut gregorianischem Kalender Jesus getauft.

Der in ein langes weißes Gewand gehüllte Priester wendet sich wieder seiner Gemeinde zu, die singend und in dicke Mäntel gehüllt am schneebedeckten Zippendorfer Strand steht und auf den priesterlichen Segen wartet. Der Priester bekreuzigt die Gläubigen. Ein anderer Geistlicher schöpft währenddessen das geweihte Seewasser aus einem großen Kübel und spritzt es in die Menge. Die eben noch andächtige Stimmung lockert sich auf. Es wird gelacht und gescherzt, als die eisige Dusche auf die Gemeindemitglieder herabregnet.

Russisch-Orthodoxe Weihe am Schweriner See

Geweihtes Wasser für den Hausgebrauch

Dem geweihten Wasser wird eine schützende Kraft nachgesagt. Menschen soll es vor Krankheit bewahren und selbst Gegenstände sollen sich damit länger haltbar machen lassen, heißt es. Da ist es kein Wunder, dass die Gläubigen tütenweise Plastikflaschen mitgebracht haben. Dichtgedrängt stehen sie um den großen Weihwasserbottich und füllen das Wasser flaschenweise ab. "Für den Hausgebrauch", wie eine ältere Frau erklärt.

Eisiges Bad bei minus fünf Grad

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Rund ein Dutzend Gläubige nahm trotz Minusgraden ein Bad im Schweriner See.

Andere Gläubige gehen noch einen Schritt weiter und nehmen kurzerhand ein Bad in dem eiskalten Wasser des soeben gesegneten Sees - bei minus fünf Grad Lufttemperatur. Einer der Hartgesottenen ist Anatoli Brening. "Man fühlt sich wie neugeboren", sagt er, als er wieder das Ufer erreicht. Zusammen mit einem Dutzend anderer Unerschrockener hat der 64-Jährige im eiskalten See ein Bad genommen.

Brening kam 2001 mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland und lebt seitdem im Schweriner Stadtteil Großer Dreesch. Die Silhouette der charakteristischen Plattenbauten zeichnet sich hinter seinem Rücken ab. Dort, inmitten der Betonsilos, steht in einem Hinterhof das religiöse Zentrum der Schweriner Gemeinde, die sich vor rund zehn Jahren gründete: eine kleine Kirche, gebaut in traditioneller russischer Bauweise aus Fichtenholz. Seit November 2012 feiern rund 100 Gemeindemitglieder - zumeist Aussiedler - dort ihre Gottesdienste. Vorher trafen sie sich in den Räumen einer katholischen Kirche in der Nachbarschaft.

Prozession durchs Plattenbauviertel

Bei der neuen Kirche hatte sich der Prozessionszug am Vormittag in Bewegung gesetzt. Angeführt von einem Mädchen in einem goldenen Gewand hielten die Teilnehmer Ikonenbilder hoch und sangen fromme Lieder. Durch die Häuserschluchten des Dreesch - einem früheren sozialistischen Vorzeigeviertel - und vorbei an einem der letzten in Westeuropa verbliebenen Lenin-Denkmäler führte der rund einen Kilometer lange Weg direkt zum Zippendorfer Strand, wo es im Sommer vor Badenden und im Frühjahr und Herbst vor rastenden Wasservögeln wimmelt. Doch an diesem eisigen Wintertag ist der Strand menschenleer. Ein paar Spaziergänger bleiben verwundert stehen und reiben sich die Augen, als der russisch-orthodoxe Umzug den Strand erreicht und sein Fest feiert.

Russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland

In Deutschland existieren nach Angaben der Russisch-Orthodoxen Diözese Berlin derzeit rund 60 Gemeinden, die ihre Existenz auf die russische Orthodoxe Kirche zurückführen. Die russische Diözese in Deutschland wurde in Folge des Zuzugs vieler russischer Emigranten 1926 gegründet. Die Zahl der Gläubigen, die in den 1970er-Jahren noch bei rund 27.000 lag, hat sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahezu verdoppelt. Bis in die 1960er-Jahre war der orthodoxe Bischof von Berlin für alle orthodoxen Gläubigen in Deutschland zuständig. Seit 1965 besteht eine griechische Metropolie, seit 1969 ein Westeuropäisches Erzbistum der serbischen Kirche. Die russische Diözese in Deutschland wird seit 1990 von Erzbischof Mark geleitet. Die Anfänge der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland reichen rund 300 Jahre zurück. Seinerzeit entstanden erste russische Kirchen durch Einheiratungen russischer Fürstinnen in deutsche Adelshäuser - wie etwa im Kieler Schloss, nachdem eine Tochter des Zaren Peter des Großen Herzog Karl Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf geheiratet hatte. Weitere Kirchengründungen gehen in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als reiche Russen die Sommermonate vermehrt in den Kur- und Badeorte Westeuropas verbrachten.

"Ein Stein ist gelegt"

Nach rund einer Stunde ist die Zeremonie vorbei. "Ich bin überglücklich, dass soviele Gläubige gekommen sind", sagt Priester Idavain. Mit einem dampfenden Tee wärmt sich Geistliche auf. Idavain hofft, in einem Jahr mit seiner Gemeinde hier am Strand erneut die Große Wasserweihe begehen zu können. "Wir wollen eine Tradition begründen, nun ist der erste Stein gelegt", sagt er und blickt über den See.