Stand: 17.06.2014 17:00 Uhr

Erinnern an den 17. Juni: Lenin verhüllt

Verhüllen oder gleich abreißen? Das Lenin-Denkmal sorgt zum Gedenken an den Volksaufstand erneut für Streit.

Opfer des DDR-Regimes haben mit einer Kranzniederlegung in Stralsund und der Verhüllung des Lenin-Denkmals in Schwerin an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert. Vor 61 Jahren waren in der DDR Hunderttausende auf die Straßen gegangen, auch in 67 Städten und Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern kam es an diesem Tag zu Streiks und Demonstrationen. Beteiligt daran waren unter anderem Arbeiter auf den Werften in Rostock, Warnemünde, Stralsund und Wismar. Die DDR-Führung schlug den Aufstand mit Hilfe der Sowjetarmee nieder.

Weitere Informationen

17. Juni 1953: Panzer gegen Parolen

Werftarbeiter, Arbeiter und Bürger forderten freie Wahlen und bessere Lebensbedingungen - wie die Menschen in Mecklenburg und Vorpommern den Volksaufstand 1953 erlebten. mehr

Gericht entscheidet: Lenin darf verhüllt werden

Um die Verhüllung des Lenin-Standbilds im Schweriner Plattenbau-Gebiet Großer Dreesch gab es im Vorfeld Diskussionen. Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) wollte die von Alexander W. Bauersfeld, einem Verfolgten des DDR-Regimes, initiierte Aktion verbieten. Ihre Begründung: Die Aktion beeinträchtige das Erscheinungsbild und den öffentlichen Denkmalzweck des Standbilds. Außerdem könnten Teilnehmer der Aktion von der Leiter stürzen und sich verletzen. Dagegen zog der Initiator der Aktion vor das Verwaltungsgericht Schwerin - und gewann.

Ein Betttuch verhüllt den Revolutionär

Unverhüllt hat der Revolutionär den Schweriner Stadtteil Großer Dreesch fest im Blick. (Archibild)

Am Mittag wurde das umstrittene Standbild dann für einige Stunden von Bauersfeld mit einem Betttuch verhüllt - sehr zum Ärger von Gegendemonstranten aus der linken Szene, die sich mit Fahnen der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und der Flagge der ehemaligen Sowjetunion aufgebaut hatten. Es sei unerträglich, dass Lenin 25 Jahre nach der Wende immer noch in Schwerin stehe, sagte Bauersfeld, der sich in der DDR für die kirchliche Friedensaktion "Schwerter zu Pflugscharen" engagiert hatte und dafür eineinhalb Jahre im Gefängnis saß. Später wurde er vom Westen freigekauft. "Lenin ist einer der Gründerväter des Terrors", sagte Bauersfeld vor etwa 80 Menschen. Seine Rede wurde lautstark von Lenin-Anhängern gestört, größere Zwischenfälle gab es aber nicht.

Abriss gefordert

Auch die Diskussion über die Zukunft des Bronze-Standbildes ist wieder in Gang gekommen: Bauersfeld warb für einen Abriss. Mit der Forderung steht er nicht allein. Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, sprach sich ebenfalls für den Abriss des Denkmals aus. Lenin habe seine Ideologie mit Terror durchgesetzt, sagte Drescher: "Diese Person muss man nicht mit einem Denkmal ehren." Die Grünen-Landtagsabgeordneten Silke Gajek und Johann-Georg Jäger schlossen sich der Forderung an. Über das 1985 errichtete Lenin-Denkmal wird in Schwerin immer wieder diskutiert. 2007 entschied sich die Stadtvertretung gegen einen Abriss.

Caffier: Demokratische Werte mühsam erstritten

Derweil bezeichnete Innenminister Lorenz Caffier (CDU) den 17. Juni 1953 als einen wichtigen Tag in der deutschen Geschichte. "Wir dürfen nie vergessen, dass die demokratischen Werte, die uns heute so selbstverständlich erscheinen, lange nicht allgegenwärtig waren und mühsam erstritten werden mussten", erklärte er am Montag in Schwerin. "Speziell in Mecklenburg-Vorpommern ging dem Aufstand auch die Enteignung von Hotels und Pensionen durch den Gewaltapparat des SED-Regimes voraus."

Jubiläum im vergangenen Jahr: Denkmal für Stralsund

Im vergangenen Jahr jährte sich das Gedenken an den Arbeiteraufstand zum 60. Mal. Anlässlich dessen wurde in Stralsund ein Denkmal des Volksaufstandes enthüllt. Dieses besteht aus einem tonnenschweren Findling mit fünf im Boden verlegten Metallplatten mit der Aufschrift "Wir sind das Volk 1953 1989".

Der Aufstand vom 17. Juni 1953

Vier Jahre nach Gründung der DDR ist die wirtschaftliche Lage dort schlecht. Um die Versorgung zu verbessern, beschließt das SED-Regime, die Arbeitsnormen zu erhöhen. Für die Arbeiter bedeutet das: mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Nach ersten Protesten am 16. Juni bricht einen Tag später ein Volksaufstand aus, der die gesamte DDR ergreift. Die Forderungen der Demonstranten gehen bald weit über die Zurücknahme der Arbeitsnormen hinaus: Sie verlangen unter anderem freie Wahlen, den Rücktritt der SED-Regierung, den Abzug der Sowjet-Truppen und die Wiedervereinigung.

SED-Führung und sowjetische Besatzungsmacht reagieren mit aller Härte: Panzer rollen auf, der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Etwa 120 Menschen sterben, mehrere Hundert werden verletzt, rund 6.000 werden verhaftet. Genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt.

Während die DDR-Führung den Volksaufstand vom 17. Juni zu einem "kontrarevolutionären Putsch" umdeutet, wird er in der westlichen Welt zum Symbol für den Freiheitswillen der DDR-Bevölkerung. Von 1954 bis zur Wiedervereinigung 1990 wird der 17. Juni als "Tag der deutschen Einheit" begangen.

Karte: Der 17. Juni im Nordosten

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.06.2014 | 18:40 Uhr