Stand: 07.04.2016 11:09 Uhr

Ein Schatz im Kornfeld

von Henning Strüber, NDR.de

Ein Acker irgendwo an der mecklenburgischen Ostseeküste. Mitten auf dem Feld zwischen den noch jungen Getreidepflanzen klafft eine große Grube im Boden. Eine Baggerschaufel streicht behutsam durch die sandige Krume und legt eine neue Schicht frei. Als der Bagger den Sand auf den großen Haufen am Rand der Grube geschüttet hat, stürzen sich Gabriela Hafner und ihre Mitstreiter auf das Loch im Boden. Mit bloßem Auge und mit Metalldetektoren scannen sie den bräunlichgelben Erdstreifen ab. Es dauert nicht lang, bis ein Detektor zu summen beginnt. Gabriela Hafner tastet die bröckelnde Erde ab - und schon hält sie ein verwittertes, grünlich schimmerndes Metallstück in den Händen. "Aha. Ein Bronzestück", sagt sie mit freudig erregter Stimme.

Archäologie mit Bagger und Zahnbürste

Mit Zahnbürste und GPS

Mit einer ausgefransten Zahnbürste kratzt sie die daran klebenden Erdbrocken ab. Eine Verzierung kommt zum Vorschein. "Das könnte zu den anderen passen", sagt sie und blickt zu ihren Kollegen, die ebenso gebannt auf den Fund schauen. Denn die bronzene Scherbe ist nicht das einzige Stück dieser Art, das die ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin und die übrigen Grabungsarbeiter - die einen ebenso Hobby-Archäologen wie Hafner, die anderen hauptamtliche Mitarbeiter vom Landesamt für Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern - hier gefunden haben. Während Grabungstechniker Bernd Wollschläger mit einem Differential-GPS die Fundstelle exakt lokalisiert, holt Hafner eine kleine Plastiktüte aus ihrer Hüfttasche. Dort steckt sie das Bonzestück hinein. Zusammen mit einem Zettel, auf dem die Nummer 223 steht. So viele Stücke - von fingernagelgroß bis ellenlang und von Halsringen, Armspiralen und Gefäßen stammend - haben die Archäologen hier auf dem Feld bereits gefunden, seitdem Hafner an einem regnerischen Februartag beim Durchstreifen des Feldes plötzlich innehielt und stutzig wurde.

Es begann mit einem kleinen Metallstück

Dass es der absolute Höhepunkt ihrer 2008 begonnenen Karriere als Bodendenkmalpflegerin werden würde, war ihr da nicht bewusst. An jenem Tag wollte sie "einfach mal wieder nach Steinen und Klingen schauen“, erinnert sie sich. "Der Tag muss stimmen. Das Licht muss stimmen. Und es muss ordentlich abgeregnet haben. Denn nach dem Abregnen sieht man mehr", ist Hafner überzeugt. Gut sehen muss sie, "denn ich bin kein Fan von Metalldetektoren, weil ich die Hände lieber frei habe und gern spontan gehe". So auch an jenem Februartag. "Ich bin hier über das Feld gegangen und plötzlich habe ich es gesehen: Ein kleines Metallteil, es lag vor mir auf dem Boden. Nach dem Saubermachen habe ich dann die Verzierungen entdeckt und mir gedacht: Das könnte was sein."

"Bei Teil 53 haben wir erst mal abgebrochen"

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Nach dem Säubern werden die Verzierungen erkennbar.

Sie stellte Fotos ihrer Entdeckung ins Web-Forum der Bodendenkmalpfleger und nachdem sie positive Rückmeldungen erhielt, machte sie sich mit Kerstin Bockholt und Uwe Balscheit - beide ebenfalls Bodendenkmalpfleger - daran, das Gelände mit einem Detektor zu begehen. "Ich dachte, so drei, vier Schnipsel werden noch kommen. Aber dann fanden wir schon das erste große Teil eines Halsrings, dann noch eins und noch eins. Dann haben wir das Landesamt angerufen, weil wir merkten: Das hier ist eine andere Nummer." Auch nachdem die Kollegen aus Schwerin eingetroffen waren, ging es Schlag auf Schlag. "Bei Teil 53 haben wir erst mal abgebrochen. Das war einfach ein tolles Erlebnis. Der Regen hat überhaupt nichts ausgemacht. Wir waren plitschnass, aber es hat einfach nur Spaß gemacht", erzählt Hafner mit leuchtenden Augen. "Das ist wie Schatzsuche - nur unter einem wissenschaftlichen Aspekt."

Indiana Jones auf der Suche nach deutschem Kulturgut

Für diese Art von Schatzsuche hatte Gabriela Hafner schon seit früher Kindheit ein Faible, wie die gelernte Handwerkerin sagt: "Ich wollte immer Archäologie studieren. Das ging nur leider nicht. So ist es mein Hobby geworden. Und seit dem Tod meines Mannes kann ich es leben. Und nun verwirkliche ich meinen Lebenstraum, indem ich hier meine Begehungen mache." Wenn es das Wetter zulässt, geht sie jeden Tag zwischen zwei und vier Stunden. "Denn ich liebe die Natur und die Gegend hier ist herrlich." Etwas finde sie dabei immer: Seien es Fragmente von Beilen oder Meißeln, Reibe- und Schlagsteine oder Klingen. "Ich drehe jeden Stein um, von Haus aus. Denn ich bin neugierig. So sind Frauen nun einmal", sagt sie verschmitzt. Das Spannende sei, dass man nie wisse, was am Ende herauskommt. Einschätzungen, die auch Hafners Grabungskollege Uwe Balscheit - in normalen Leben Handwerksmeister - teilt: "Na klar, ein bisschen Indiana Jones ist auch immer mit dabei", bekennt der 60-Jährige. Darüber hinaus aber auch ein gewisses Interesse an deutschem Kulturgut und dessen Erhalt - "aber das darf man heutzutage ja kaum noch sagen", fügt Balscheit augenzwinkernd an.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.04.2016 | 19:15 Uhr

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