Stand: 08.12.2015 13:59 Uhr

Ein Dorf und der Brandanschlag

von Lena Kampf & Philipp Hennig

Kurz nachdem der Gemeindebürgermeister im Herbst 2013 angekündigt hat, in das ehemalige Ledigenwohnheim Am Moorweg würden Flüchtlinge einziehen, wird die Fassade beschmiert: Ein Hakenkreuz und die Drohung "Dieser Bock wird brennen" wurde auf die graue Hauswand gesprüht. Das "l" wurde vergessen, die Groß Lüsewitzer amüsieren sich über den Fehler, überrascht ist kaum jemand, schließlich fühlen sich auch viele andere von der Entscheidung des Bürgermeisters "überrumpelt".

Groß Lüsewitz © NDR

Ein Dorf und der Brandanschlag

Panorama 3

In der Nacht zum 12. Oktober 2014 wird in Groß Lüsewitz ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt. 40 Menschen leben dort. Nur aus Glück kommt niemand zu Schaden.

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Jahrelang habe das Haus brach gelegen, für die deutschen Mieter sei nichts getan worden, aber nun soll es ausgerechnet für die Flüchtlinge renoviert werden, empören sich einige Anwohner. Eine Reinigungsfirma entfernt das Graffiti, wenig später ist ein neues da. Die Asylbewerber ziehen trotzdem ein, zunächst etwa 40 Menschen, aus Tschetschenien, Eritrea, aus dem Kosovo. Das Haus ist noch eingerüstet, als in der Nacht zum 12. Oktober 2014 gegen 0:40 Uhr zwei Molotowcocktails fliegen. Einer zerschellt und setzt ein Fensterbrett aus Plastik in Brand, der andere prallt am Haus ab und lodert noch, als die Polizei eintrifft.

Während die Ermittler lange ahnungslos sind, spricht sich im Dorf der Name des vermeintlichen Täters schnell herum. Thomas H. soll es gewesen sein, ein Paketzusteller aus der Einfamilienhaussiedlung, ein Junge von hier. "Die Alteingessessen", sagt eine Nachbarin, "wussten das alle nach einer Woche."

Man will seine Ruhe

Groß Lüsewitz ist ein idyllisches Dorf zwanzig Kilometer östlich von Rostock. Das renovierte Rittergut im Ortskern überragt die Kastanien, in einem modernen Glasbau wird an genmanipulierten Kartoffeln geforscht. Manchmal kommt es zu Feldbesetzungen durch Genforschungsgegner. Dann kommt die Polizei, dann wird er unruhig. Man will aber seine Ruhe in Groß Lüsewitz. Barbara Kirchhainer weiß das. Deswegen bringt sie "ihren Flüchtlingen", wie sie sie nennt bei, freundlich "Guten Tag" zu sagen, wenn die Nachbarn am Gartenzaun stehen.

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Barbara Kirchhainer engagiert sich ehrenamtlich für Asylbewerber in Groß Lüsewitz.

Kirchhainer, eine rundliche, unermüdliche Frau, sitzt für die Partei Die Linke im Kreistag und betreut mit ihrem Netzwerk von Anwohnern ehrenamtlich die Asylbewerber in Groß Lüsewitz. Die Ablehung am Anfang sei aus Unwissenheit gewesen, sagt sie, mittlerweile habe sich das gelegt. Kirchhainer betont den Laternenumzug, die Nachbarn, die Kuchen für die Flüchtlinge backen. Die skeptischen Anwohner habe man vom Gegenteil überzeugen können, sagt sie.

Wie im Krieg

Als der Molotowcocktail gegen ihr Fensterbrett flog, habe sie Panik bekommen und sich gefragt, ob sie wieder im Krieg sei, erzählt Malika D. Sie sah die Flammen und weckte ihren Mann auf, der habe an alle Türen geklopft, bevor sie mit den Söhnen nach draußen gerannt sind, erinnert sie sich an die Nacht im Oktober 2014. Bis der Täter gefasst war, hatte sie Angst, dass es noch einmal passieren könnte, sagt sie.

Die in Groß Lüsewitz vom Verdacht gegen Thomas H. wissen, schweigen lange. Erst Monate nach dem Anschlag raunt ein Groß Lüsewitzer einem befreundeten Polizisten den Namen zu, will aus Angst anonym bleiben.

Rassismus in kleinbürgerlicher Idylle

Weil Thomas H. auf Facebook gegen das Asylheim hetzt, beginnen die Ermittler damit, seine Telefongespräche abzuhören. Sie lauschen, wie er seinen besten Freund Ronny S. dazu bewegt, ihm ein falsches Alibi zu geben. Doch der widerspricht sich bei Befragungen und räumt letztlich ein, Thomas H. habe ihm gegenüber gestanden, die Flaschen gemeinsam mit seinem Freund Florian H. geworfen zu haben. Kurz darauf notieren die Ermittler, Thomas H. plane, Ronny S. zu verprügeln, weil "der vor Gericht gelabert habe". Er sagt am Telefon, seine Hände seien frisch tätowiert, damit die nicht aufplatzen brauche er dazu Quarzhandschuhe. Bei der Durchsuchung seiner Gartenlaube findet die Polizei Plakate und Flyer der NPD. Mitte August 2015 werden Thomas H, 25, und Florian H., 31, festgenommen. Florian H. stammt aus dem Nachbarort Broderstorf, ist Abrisshelfer und hat wie Thomas H. ein kleines Kind.

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Thomas H. soll die Tat gestanden haben. Offenbar stellt er den Angriff als eine "Protestaktion" dar. Also geht es gar nicht um Ausländer und Rassismus? Geht es nur um ein Ärger gegen "die da oben"?

In der Groß Lüsewitzer Siedlung, in der Thomas H. aufgewachsen ist, drängen sich schöne, einfache Häuser. Die Vorgärten sind in Ordnung. Inmitten dieser kleinbürgerlichen Idylle hat sich Thomas H. derart radikalisiert, dass seine Eltern "damit nicht mehr umgehen konnten", wie sie der Polizei erzählen. Ihr Sohn habe sich immer sehr leicht verleiten lassen. Als sie Fotos von einer Silvesterfeier entdecken, auf denen Thomas H. und Kumpane den Arm zum Hitlergruß erhoben haben, setzten sie ihn vor die Tür.

Anklage wegen versuchten Mordes

Also besucht man seine Freunde in Rostock, in den Betonschluchten der Plattenbauten. Ronny S. öffnet die Tür in einem T-Shirt das eine Faust zeigt: Das Abzeichen der Bewegung "Hooligans gegen Salafisten". Aus der Küche schallt Rechtsrock, S. will nicht mit Reportern über H. reden. Er hört lieber deutsche Musik zum Mitbrüllen. In Rostock-Lichtenhagen hat H. zuletzt gewohnt. Bei seiner Freundin, schräg gegenüber vom Sonnenblumenhaus. Thomas H. war zwei Jahre alt, als sich auf der Wiese vor dem Häuserblock im August 1992 der rechte Angreifer und Schaulustige zusammenrotteten und drei Tage lang wüteten, Brandsätze auf ein Asylbewerberheim schleuderten und die Polizei schaute zu. Heute stehen da ein Möbelgeschäft und Supermarkt, nichts erinnert an die rassistischen Ausschreitungen. Allein das riesige Sonnenblumenmosaik an der Stirn des Hauses ist eine Mahnung an das Pogrom vor 23 Jahren.

Das Landgericht Rostock hat die Anklage wegen versuchten Mordes zugelassen. Prozessbeginn ist im Januar.

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