Stand: 15.03.2016 15:30 Uhr

Medikamententests: Devisen für die DDR

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Viele Wirkstoffe wurden getestet, auch für Herz- und Kreislauferkrankungen. (Symbolbild)

Von Anfang der 1960er-Jahre bis 1990 haben westdeutsche und internationale Pharmafirmen zahlreiche Medikamente an Bürgern der DDR getestet. Insgesamt habe es Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests gegeben, heißt es im Abschlussbericht eines Forschungsprojekts unter Leitung des Medizinhistorikers Volker Hess, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Drei Jahre lang haben die Forscher verschiedene Unterlagen von Krankenhäusern, Pharmaunternehmen und Behörden analysiert.

Auch Rostock und Greifswald beteiligt

Die Testreihen fanden flächendeckend statt. Die meisten Untersuchungsreihen gab es an Einrichtungen in Ost-Berlin, aber auch die Unikliniken von Leipzig, Rostock, Greifswald und anderen Städten waren beteiligt. Getestet wurden unzählige Wirkstoffe: Herz- und Kreislaufmittel, Psychopharmaka und Krebsmedikamente. Die Tests waren meist Teil internationaler Studien, die in allen Ländern nach den gleichen Standards durchgeführt wurden.

Aufträge aus Westdeutschland und vielen anderen Ländern

Die Studie kommt zu dem Schluss, die überschuldete DDR habe ihr Gesundheitssystem zur Verfügung gestellt, um begehrte Devisen zu erwirtschaften. Aufträge kamen demnach vor allem aus Westdeutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, den USA und Großbritannien. Gefunden wurden Aufträge von 75 Unternehmen aus 16 Ländern.

Keine Hinweise auf systematische Verstöße

Hinweise auf systematische Verstöße gegen damals geltende Vorschriften, hinsichtlich Einwilligung und Aufklärung der Patienten, haben die Forscher in den Akten aber nicht gefunden. Ob DDR-Patienten stets informiert wurden, habe sich nicht vollständig klären lassen. Es müsse aber davon ausgegangen werden, dass in Einzelfällen Betroffene nicht aufgeklärt wurden, heißt es in dem Bericht.

Nicht billiger, aber effizienter

Die Verfasser der Studie widersprechen Spekulationen, wonach die Medikamentenstudien in der DDR billig zu haben waren. Der entscheidende Vorteil für Westfirmen sei nicht das geringere Honorar gewesen, sondern der Zeit- und Effizienzgewinn: Den Firmen aus dem Ausland kam das zentral organisierte Gesundheitssystem der DDR entgegen: Dort wurde für einen reibungslosen Ablauf gesorgt, was den Firmen minimalen organisatorischen Aufwand und einen einen beträchtlichen Zeitgewinn bescherte. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR habe ein großes Interesse an den klinischen Studien gehabt und sie intensiv beobachtet, heißt es in dem Abschlussbericht. Laut Aktenlage wurden keine Testreihen an Heimkindern oder Häftlingen vorgenommen.

Eine Folgeprojekt soll nun erforschen, inwieweit Psychopharmaka-Medikamente in Heimen in der DDR getestet worden sind.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.03.2016 | 15:00 Uhr