Stand: 25.09.2017 14:00 Uhr

Bundestagswahl: Usedom - Hochburg der AfD

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In Wolgast ist die Alternative für Deutschland bei der Bundestagswahl 2017 stärkste Kraft geworden - sie holte 31,3 Prozent der Stimmen.

Garz ist ein kleines Örtchen auf der Ferieninsel Usedom - die Gemeinde liegt etwas im Schatten der großen Urlauberströme, nah an der Grenze zu Polen. 44,1 Prozent der Einwohner haben dort die rechtspopulistische AfD gewählt. In Peenemünde, im Norden der Insel, liegt der Stimmenanteil genauso hoch. Usedom ist eine Hochburg der AfD. Die Partei wird in Wolgast, der ehemaligen Kreisstadt und dem Tor zur Insel, mit 31,3 Prozent stärkste Kraft.

AfD-Spitzenkandidat Holm bekommt 19,2 Prozent der Erststimmen

Hier ist der Frust auf die Parteien besonders groß: Der Wegfall des Amtsgerichts und die Schließung der Kinderklinik hat die Menschen in der Region zu Stammwählern der AfD gemacht. Bei der Landtagswahl holte die Partei in Vorpommern drei Direktmandate. Diesen Erfolg konnte sie bei der Bundestagswahl jedoch nicht wiederholen. Ihr Spitzenkandidat Leif-Erik Holm, der vollmundig angekündigt hatte, er werde Bundeskanzlerin Angela Merkel aus ihrem Wahlkreis vertreiben, scheiterte.

Holm kam auf 19,2 Prozent der Erststimmen, sein parteiinterner Widersacher, der Rechtsaußen Enrico Komning, der im Wahlkampf den skandalumwitterten Thüringer Fraktionschef Björn Höcke einlud, holte mehr: immerhin 23,5 Prozent. Aber für einen Sieg im Wahlkreis reichte es nicht. Holm und Komning verlassen den Landtag und ziehen über die Liste in den Bundestag ein, gemeinsam mit der Landesschatzmeisterin Ulrike Schielke-Ziesing. Nachrücker im Landtag sind der ehemalige Neubrandenburger Amtsgerichtsdirektor Horst Förster und Jens-Holger Schneider. Förster ist ehemaliges CDU-Mitglied und gilt als bürgerlich-konservativ. Schneider wird dagegen dem völkisch-nationalistischen Flügel zugerechnet.

AfD-Landtagsfraktion in MV spaltet sich auf

Derweil wirbelt die Wahl die AfD-Fraktion im Landtag durcheinander: Vier der 17 Abgeordneten erklärten am Montagmittag ihren Austritt aus der Fraktion und schlossen sich als "Bürger für Mecklenburg-Vorpommern" zu einer neuen Fraktion zusammen. Mitglieder sind der Co-AfD-Landesvorsitzende Bernhard Wildt und der bisherige parlamentarische Geschäftsführer der alten AfD-Fraktion, Matthias Manthei. Auch die Rostocker Abgeordnete Christel Weißig und ihr Kollege Ralf Borschke gehören dazu. Die Fraktion der AfD im Schweriner Landtag sei schon seit langem gespalten und zerrüttet, erklärte Wildt. Politische Differenzen über Sachfragen hätten zu Differenzen im persönlichen Umgang geführt.

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Landtags-Fraktion der AfD spaltet sich auf

Einen Tag nach der Bundestagswahl hat sich die Landtags-Fraktion der AfD in MV aufgespalten. Vier Abgeordnete erklärten ihren Austritt. Fraktionschef Holm vermutet Parteichefin Petry hinter dem Schritt. mehr

SPD: Vorsätzliche Wählertäuschung

Wildt sprach sich gegen eine dauernde Radikalisierung und eine Außenseiter-Stellung aus. Man habe mit dem Schritt jedoch bewusst auf die Zeit nach der Wahl gewartet, um die Wahlchancen nicht zu beeinträchtigen. Die Fraktionsmitglieder wollen weiterhin in der AfD bleiben. Wildt sagte, Holm sei am vergangenen Sonnabend über den Schritt informiert worden. Am Sonntag hatte Holm Meldungen über eine Abspaltung noch als "Quatsch" abgetan. SPD-Fraktionschef Thomas Krüger sprach von einem Schmierentheater und vorsätzlicher Wählertäuschung.

Trotz allem: Die AfD hat sich auf Platz zwei in Mecklenburg-Vorpommern etabliert, mit 18,6 Prozent im liegt sie deutlich über ihrem Bundesergebnis, aber gut zwei Punkte unter dem Resultat der vergangenen Landtagswahl. Allerdings ist die AfD in anderen Teilen Ostdeutschlands deutlich stärker, in Sachsen wird sie beispielsweise stärkste Kraft vor der CDU und holt dort auch Direktmandate.

CDU holt alle sechs Direktmandate

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Der Landesvorsitzende der CDU im Nordosten, Vincent Kokert, sagte, man werde sich damit beschäftigen müssen, wie mit der AfD im Bundestag umzugehen ist.

In Mecklenburg-Vorpommern gehen die sechs Wahlkreise erneut sämtlich an Kandidaten der CDU. Die politische Landkarte bleibt - was die Bundestagswahlen angeht - schwarz, auch wenn die Ergebnisse deutlich unter denen von vor vier Jahren liegen. Der CDU-Landesvorsitzende Vincent Kokert kommt zu dem Schluß: "Wir haben nichts falsch gemacht." Kanzlerin Merkel holt zum achten Mal in Folge ihren Wahlkreis auf Rügen, mit den Städten Stralsund und Greifswald. Die Kanzlerin fährt 44 Prozent der Erststimmen ein, das sind zwar 12 Punkte weniger als vor vier Jahren, das Ergebnis liegt aber ungefähr im Mittel der vergangenen Jahre. Besonders freut sich die Junge Union. Sie schickt erstmals einen aus ihren Reihen in den Bundestag. Das ist der 24jährige Jurist Philip Amthor, der holte den Wahlkreis im östlichen Mecklenburg und Vorpommern. Trotz dieser Erfolge: Die CDU hat auch im Stammland der Kanzlerin mächtig Federn gelassen, ihr 33,1 Prozent-Ergebnis liegt nur leicht über dem Resultat auf Bundesebene.

Vincent Kokert, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Mecklenburg Vorpommern © dpa Fotograf: Jens Büttner

Kokert: Mit der AfD beschäftigt sich die CDU ab Montag

NDR Info -

Die Union bleibt trotz hoher Verluste stärkste Kraft im Bundestag. Welche Konsequenzen müssen aus dem Ergebnis gezogen werd? Fragen an Vincent Kokert, CDU-Chef in MV.

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SPD rutscht ab - auf Platz vier hinter CDU, AfD und Linke

Härter trifft es die regierende SPD. Die Partei von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kommt landesweit nur noch auf 15,1 Prozent der Zweitstimmen - das ist gerade mal halb so viel wie bei der vergangenen Landtagswahl. Noch dramatischer: Die SPD erreicht nicht mal mehr den Bronze-Platz, sondern rutscht hinter CDU, AfD und Linke auf Platz vier ab. In einigen Teilen des Landes sind die Sozialdemokraten auf Splitterpartei-Niveau gelandet, in Neuenkirchen bei Anklam kommt die SPD auf 3,8 Prozent, in Peenemünde auf Usedom auf 5,6 Prozent. Und auch in der ehemaligen Kreisstadt Wolgast rauscht die SPD ab - kommt nur noch auf gut 11 Prozent. Die SPD hat dort vor Jahren den Bürgermeister gestellt. Die Sozialdemokraten stellen nur noch zwei Abgeordnete, die Stralsunderin Sonja Steffen und den Wismarer Frank Junge. Die dritte auf der Liste, Martina Tegtmeier, scheiterte. Tegtmeier bleibt im Landtag, Vize-SPD-Landeschef Julian Barlen wäre für sie ansonsten nachgerückt - diese Hoffnung muss der Rostocker vorerst beerdigen. Der Schock bei der SPD sitzt tief, Landtagspräsdidentin Sylvia Bretschneider twitterte am Abend: "Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht..."

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Schwesig: "Ganz schlimmes Ergebnis für SPD"

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Schwesig bezeichnet das Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl als "ganz schlimmes Ergebnis". AfD-Spitzenkandidat Holm ist dagegen sehr zufrieden. mehr

Geht die SPD im Bund - wie angekündigt - in die Opposition, dann wird sie sich in Mecklenburg-Vorpommern wohl schärfer gegen die CDU und gegen Kanzlerin Merkel profilieren. In den Mittelpunkt rückt dann Ministerpräsidentin Schwesig, sie hat als Vize-Parteichefin der SPD auch bundespolitisch eine Rolle und will den Osten stärker in der Vordergrund rücken. Es gibt nicht wenige, die halten Schwesig für eine Kanzler-Kandidatin im Wartestand.

Andere Parteien spielen untergeordnete Rolle

Die drei anderen Parteien spielen eine untergeordnete Rolle, die Linke schafft es in Rostock mit ihrem Spitzenmann Dietmar Bartsch nicht, der CDU das Direktmandat abzunehmen, mit 17,8 Prozent bleibt die Partei hinter ihrem Landesergebnis von 2013 zurück. Bartsch zieht über die Liste ein, ebenso wie seine Kolleginnen Heidrun Bluhm und Kerstin Kassner. Die FDP kann mit 6,2 Prozent wieder auf Rückenwind für die Landtagwahl hoffen, ihr Spitzenkandidat Hagen Reinhold zieht in den Bundestag ein. Und die Grünen bleiben mit 4,3 Prozent deutlich hinter ihrem Bundesergebnis zurück - das ländlich-grüne Mecklenburg-Vorpommern bleibt für die Ökopartei ein schwerer Brocken, Spitzenkandidatin Claudia Müller schafft dennoch den Sprung in den Bundestag.

Deutliches Plus bei der Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung ist deutlich gestiegen, um gut fünf Punkte auf 70,9 Prozent. Verglichen mit dem übrigen Bundesgebiet gehen damit im Nordosten aber noch immer weniger Menschen zur Wahl - deutschlandweit liegt die Wahlbeteiligung bei 76,2 Prozent.

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Deutliche Verluste für SPD und CDU in MV

Trotz schwerer Verluste geht die Union als Siegerin aus der Bundestagswahl hervor - vor SPD und AfD. Im Nordosten gehen alle sechs Direktmandate an CDU-Kandidaten. Die Zahlen im Überblick. mehr

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.09.2017 | 12:00 Uhr

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