Stand: 23.02.2015 15:47 Uhr

94-jähriger mutmaßlicher SS-Sanitäter angeklagt

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Der Beschuldigte soll als SS-Sanitäter im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau tätig gewesen sein.

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs muss sich ein 94-jähriger Mann aus Vorpommern als mutmaßlicher SS-Sanitäter vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Schwerin hat Anklage gegen den Mann vor dem Landgericht Neubrandenburg erhoben, wie die Behörde am Montag mitteilte. Dem Rentner wird Beihilfe zum Mord in 3.681 Fällen vorgeworfen. Nach Angaben der Ermittler war der Mann vom 15. August bis zum 14. September 1944 als SS-Unterscharführer in die SS-Sanitätsdienststaffel Auschwitz-Birkenau abkommandiert. In diesem Zeitraum seien mindestens 3.681 Menschen unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast worden. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Mann drei bis 15 Jahre Haft.

Der 94-Jährige soll verhandlungsfähig sein

Die Behörde hält den Mann trotz seines hohen Alters für verhandlungsfähig. Laut Oberstaatsanwalt Hans Förster ist für eine Anklage wegen Beihilfe zum Mord entscheidend, dass der Mann um den Charakter von Auschwitz-Birkenau als Tötungslager wusste und er das Funktionieren des Lagers mit seiner Tätigkeit unterstützte. Dies sehe die Staatsanwaltschaft als gegeben an, so Förster. "Wir gehen davon aus, dass er Kenntnis vom Tatgeschehen in Auschwitz-Birkenau hatte." Förster betonte, dass der Beschuldigte nicht unmittelbar in das Tötungsgeschehen eingebunden gewesen sein müsse, um wegen Beihilfe zum Mord angeklagt zu werden. Ebenso sei nicht entscheidend, ob er das Töten im Lager wollte oder nicht.

Einsatz am Weg zu den Gaskammern

Bereits von Oktober 1943 bis Januar 1944 sei der Mann in das Frauenlager in Auschwitz-Birkenau abkommandiert gewesen, wie es weiter hieß. Dort habe er unmittelbar an jenem Weg gearbeitet, den Häftlinge zu den Gaskammern nehmen mussten. Ihm kann nach Ansicht der Ermittler nicht entgangen sein, dass die Krematorien unentwegt rauchten und Geruch von verbranntem Fleisch in der Luft lag. Hinweise darauf, dass der Mann an Selektionen mitwirkte, hätten die Ermittler nicht, hieß es.

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In dem der Anklageschrift zugrunde gelegten Tatzeitraum gingen in Auschwitz-Birkenau wenigstens 14 Gefangenentransporte ein, unter anderem aus Rhodos, Triest, Lyon, Mauthausen, Wien und Westerbork (Niederlande). In dem Zug aus Westerbork befand sich auch Anne Frank, die Verfasserin der bekannten Tagebücher, mit ihren Eltern und ihrer Schwester. Anne Frank wurde später in das KZ Bergen-Belsen deportiert, wo sie im März 1945 starb.

Haft in Polen, danach Rückkehr nach Vorpommern

Der Beschuldigte trat den Angaben zufolge 1940 in die Waffen-SS ein. Nach seinem Einsatz im Frauenlager von Auschwitz sei er 1948 im polnischen Krakau wegen seiner SS-Zugehörigkeit zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt worden. Damals sei er von den Besatzungsbehörden aus Schleswig-Holstein nach Polen überstellt worden. Wie es weiter hieß, kehrte der Mann nach Ablauf der Haftstrafe nach Vorpommern zurück und habe eine Tätigkeit in der Landwirtschaft aufgenommen.

Von "unrechten Dingen" nur gehört

Die Staatsanwaltschaft erhielt nach eigenen Angaben im Oktober 2013 von der Zentralstelle für die Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) Hinweise auf die Vergangenheit des Mannes als SS-Sanitäter in Auschwitz-Birkenau. Nachdem der Mann am 17. März in Untersuchungshaft genommen worden war, kam er am 10. April mangels Fluchtgefahr wieder auf freien Fuß. Zu den Vorwürfen habe er sich in den Vernehmungen "indifferent" geäußert, erklärte die Staatsanwaltschaft. Er wolle von SS-Leuten lediglich gehört haben, dass im KZ Auschwitz-Birkenau "unrechte Dinge" geschahen. Die Ermittlungen seien noch nicht in vollem Umfang abgeschlossen, hieß es weiter. Andere mögliche Tatzeiträume würden noch geprüft.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.02.2015 | 16:30 Uhr