Stand: 24.07.2013 15:52 Uhr  | Archiv

Plakat-Aktion: Suche nach NS-Verbrechern

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Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum präsentiert das Plakat zum Auftakt der Kampagne in Berlin.

Mithilfe einer Plakat-Kampagne sollen die letzten noch lebenden Nazi-Kriegsverbrecher aufgespürt werden. Auf Initiative des Simon-Wiesenthal-Zentrums sind zunächst in Berlin, Hamburg und Köln insgesamt 2.000 Plakate mit dem Motto "Spät, aber nicht zu spät! Operation Last Chance" zu sehen, wie NDR 90,3 am Dienstag berichtete. Einige Historiker sehen die Kampagne kritisch.

"Hohes Alter darf Täter nicht schützen"

Es ist nicht zu spät, die Verbrechen des Holocaust zu verfolgen, und ihr inzwischen hohes Alter darf die Täter nicht schützen - das ist die Überzeugung des Simon-Wiesenthal-Zentrums, das durch die weltweite Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern und Kollaborateuren bekannt geworden ist. "Jede Anklage ist eine Erinnerung daran, dass Gerechtigkeit auch viele Jahre nach dem Holocaust noch erreicht werden kann", sagte Efraim Zuroff, der Initiator der Kampagne. Er schätzte die Zahl der noch lebenden Nazi-Verbrecher in Deutschland auf 60 bis 120. Die Gesuchten sind vermutlich um die 90 Jahre alt oder noch älter.

Demjanjuk-Urteil als Anlass

Anlass der Plakat-Kampagne ist die Verurteilung von Iwan Demjanjuk, ein Fall, der die Rechtslage verändert hat. Der KZ-Aufseher Demjanjuk wurde 2011 trotz nicht nachweisbarer Individualschuld wegen Beihilfe zum Mord in 20.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es für eine Verurteilung als ausreichend an, dass Demjanjuk "Teil der Vernichtungsmaschinerie" war.

Bis zu 25.000 Euro Belohnung für Hinweise

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hatte im April mitgeteilt, dass sie gegen 50 weitere KZ-Aufseher des Vernichtungslages Auschwitz Vorermittlungen führt. Das Tor zu Auschwitz ist auf den schwarz-roten Plakaten zu sehen, von denen 500 jetzt in Hamburg dazu aufrufen, Hinweise auf mögliche Nazi-Verbrecher zu geben. Für sachdienliche Informationen ist eine Belohnung von bis zu 25.000 Euro ausgesetzt. Eine Sprecherin des Projekts Operation Last Chance sagte NDR.de, Hamburg sei für die Kampagne ausgewählt worden, weil es eine der größten deutschen Städte sei. Die Plakate würden von vielen Menschen gesehen, auch von Touristen. Man hoffe auf einen Multiplikatoreneffekt. Einen konkreten Verdacht, dass sich in der Hansestadt NS-Verbrecher aufhalten, gebe es nicht.

Historiker kritisieren Kampagne

Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn lehnte das "ausgeschriebene Kopfgeld" als "pietät- und schamlos" ab. Die Plakataktion rufe eher Mitleid mit den betagten Kriegsverbrechern hervor, sagte Wolffsohn dem Deutschlandradio Kultur. Auch der Historiker und ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz, kritisierte die Kampagne. In einem Interview auf NDR Kultur sagte Benz, dass es zwar hilfreich wäre, "wenn mit einer solchen Aktion noch Nazi-Verbrecher vor Gericht gestellt werden können". Er warf den Machern der Plakat-Aktion jedoch vor, sie wollten den Eindruck erwecken, dass in Deutschland bis heute nicht genug getan worden sei, um NS-Verbrecher zu überführen. Die Kampagne sei eher eine Werbe-Aktion für das Simon-Wiesenthal-Zentrum als eine ernst gemeinte Suche nach den Tätern, so Benz: "Ich glaube nicht, dass noch sehr viele Leute zu finden sind, weil es nicht mehr viele gibt."

Dieses Thema im Programm:

90,3 Aktuell | 23.07.2013 | 09:00 Uhr

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