Stand: 08.02.2013 16:02 Uhr  | Archiv

Alles erlaubt in ehemaligen Kirchen?

Eine Moschee zieht in eine ehemalige Kirche - und Hamburg hat ein Streitthema. Dabei ist die Kapernaum-Kirche in Horn längst nicht das einzige Gotteshaus in der Hansestadt, das heute anders genutzt wird. Zum Beispiel St. Stephanus in Eimsbüttel: Statt Glockengeläut und Vaterunser dringt das Klackern von Tastaturen durch das hohe Kirchenschiff. Gottesdienste werden hier schon lange nicht mehr gefeiert. Die Kirche wurde 2005 entwidmet - eine von 13, von denen sich Hamburger Kirchengemeinden inzwischen getrennt haben.

Kirchen für Kinder und Kreative

In St. Stephanus sind die neuen Mieter jung, kreativ und glauben an das Internet: Eine Werbe-Agentur und vier kleinere Start-Ups haben dort seit dem Sommer 2012 eine Bleibe gefunden. Auch Jakob Adler hat hier einen Schreibtisch stehen und schwärmt von der Arbeitsatmosphäre: "In den hohen Räumen können die Gedanken frei fliegen." Längst vergessen ist die Aufregung, die der Verkauf von St. Stephanus vor fast acht Jahren provoziert hatte.

Hohe Kirchen-Dichte in Hamburg

Meist sind es finanzielle Gründe, die eine Gemeinde dazu bewegen, ihre Kirche zu verkaufen oder zu vermieten. Bei knapp 700.000 Kirchenmitgliedern insgesamt in Hamburg sei die Dichte an Gotteshäusern immer noch sehr hoch, sagt Mathias Benckert, Sprecher der evangelischen Kirchen im Norden. "Nach dem Krieg wurden viele Kirchen gebaut. Hamburg war eine stark wachsende Stadt." Kirchenaustritte und der demografische Wandel lassen mittlerweile die Gemeinden schrumpfen. Die laufenden Kosten für die Gotteshäuser steigen unterdessen. "Die Kirchen aus den 1960er-Jahren sind sowohl bautechnisch als auch energetisch äußerst schwierig", erklärt Benckert weiter und rechtfertigt so den Verkauf der baufälligen Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn. 2005 hat sich die Gemeinde vom Gebäude getrennt, in das nun eine Moschee einziehen soll.

"Es geht hier nicht um Machtinteresse"

Ab Oktober sollen in der Kirche wieder Menschen beten. So planen es die neuen Eigentümer, das islamische Zentrum Al-Nour. Damit wird erstmals ein Gotteshaus aus den Reihen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als islamischer Gebetsraum genutzt - und die Aufregung ist groß: Konservative Vertreter der Kirche sehen hierin ein Voranschreiten des Islams. "Ganz und gar nicht geht es hier um Machtinteresse", entgegnet Wolfram Weiße von der Hamburger Akademie der Weltreligionen im Gespräch mit NDR.de. Verkauf und Umnutzung sieht er ganz pragmatisch. Wenn die Kirche das Gebäude nicht halten könne, müsse sie sich davon trennen. Er freut sich, dass das Haus weiter religiös genutzt wird und nicht etwa eine Bowling-Bahn oder ein Kino dort einziehen. "Kirchen sind gebaut worden, um Menschen die Gelegenheit zu geben, ihre Religionen darin zu leben."

Gemeinde verabschiedet sich mit Gottesdienst

Grundsätzlich unterscheidet die Kirche zwischen umgewidmeten und entwidmeten Kirchen. Eine umgewidmete Kirche wird nach wie vor religiös genutzt - wenn auch von anderen christlichen Glaubens-Anhängern. Bei einer Entwidmung wird die Kirche für neue Nutzer freigegeben. Dann verabschiedet sich die Gemeinde mit einem Gottesdienst von ihrer Kirche. Anschließend werden das Abendmahl-Geschirr, das Taufbecken und das Kreuz in einer Prozession aus dem Gotteshaus getragen. Altar, Kanzel und Glocken werden abgebaut. So ist beispielsweise in der Horner Kapernaum-Kirche nur noch der Altar-Sockel zu sehen. Die sogenannten Prinzipal-Stücke werden an andere Gemeinden verkauft oder ausgestellt, wenn sie besonders alt und wertvoll sind.

Den christlichen Einfluss bewahren

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs kann die Emotionen, die mit dem Verkauf und der Entwidmung von Kirchen einhergehen, verstehen: Kirchen seien Orte der Spiritualität, der Musik und des Gebets und daher immer auch "Symbolräume". Doch es sei auch eine Frage der öffentlichen Verantwortung, wenn ein denkmalgeschütztes Gebäude acht Jahre lang leer stehe und zusehends verfalle. Dennoch macht Mathias Benckert die Umwandlung der Kapernaum-Kirche in eine Moschee nachdenklich: "Im engeren Sinne ist dies keine Kirche mehr, aber daran hängen Erinnerungen. Und vom Erscheinungsbild her ist es immer noch eine Kirche. Da wurde das christliche Gottesbild gepredigt. Und das muslimische Gottesbild ist ganz klar ein anderes."

Lieber spricht er über die Kinder, die täglich zum Spielen in die ehemalige Bethlehem-Kirche kommen. Auch von diesem Gebäude musste sich die Gemeinde im Stadtteil Eimsbüttel trennen. Doch dort hat die Kirche ihren Einfluss bewahrt - ein evangelischer Kindergarten ist 2010 in das denkmalgeschützte Haus eingezogen. "Das sind die gängigen Wege und Lösungen", sagt Benckert.

Kitas und diakonische Einrichtungen sind nun in ehemaligen Kirchen zuhause. Manche werden auch an andere Gemeinden vermietet: Afrikanische und russisch-orthodoxe Christen feiern längst ihre Gottesdienste in ursprünglich evangelischen Kirchen. Wechselnde Mieter hat die Bugenhagen-Kirche in Barmbek - auch ein Puppentheater war schon dabei. Und in der Kulturkirche in Altona wird nicht nur gebetet. Um das Haus dauerhaft halten zu können, vermietet es die Gemeinde für Kulturevents: Musicals, Modenschauen und Kerzenschein-Dinner im Kirchenschiff bringen das nötige Kleingeld.

Karte: Ehemalige evangelische Kirchen in Hamburg

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 06.02.2013 | 17:00 Uhr

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