Stand: 28.07.2015 19:00 Uhr

Jennys Mutter klagt Behördenwillkür an

Die damalige Leiterin der Hamburger Ergotherapie-Praxis, Sabine Berndt, lebt inzwischen wieder in München. Mehrmals ist sie mit dem Vater des Kindes aneinandergeraten. Ihre Kollegin habe fast Angst vor ihm gehabt, berichtet sie: "Er versucht es erst mit seinem Charme. Landet er mit seinem Charme nicht, dann versucht er mit Macht, sie klein zu machen."

Thomas Friese habe gar kein Interesse an einer wirklichen Lösung im Sinne seiner Tochter gehabt, sagt Berndt. Dass sein aufbrausendes und Frauen gegenüber abschätziges Verhalten in keinem der Protokolle erwähnt wird, wundert sie. Mehr noch: "Es wird ja in keinem Fall erwähnt, wie engagiert die Mutter an den Fähigkeiten des Mutterseins arbeitet, wie toll sich auch das Miteinander zwischen ihrer Tochter und ihr entwickelt hat." Die Therapeutin empfiehlt einen unbedingten Verbleib des Kindes bei der Mutter.

Jugendamt schickt das Mädchen zur Kinder-Diagnostik

So sehen es auch die Schwiegereltern. Jenny sei es zu Hause mit der Mutter und deren neuem Lebensgefährten richtig gut gegangen: "Auf jeden Fall ist sie da richtig aufgelebt. Vorher konnte sie gar nicht kuscheln, konnte sie nicht eine richtige Liebe zeigen oder so. Mit dem neuen Partner hat sie das erstmal richtig kennengelernt, in einer Familie zu leben."

Doch es kommt anders. Nach dem Stopp der Eltern-Kind-Ergotherapie wird Jenny zunehmend aggressiv. Alle Vorschläge der Mutter, wie der Wechsel auf eine Förderschule oder eine Schulbegleitung, lehnt das Jugendamt Wandsbek ab, ebenso wie eine Unterbringung bei den Großeltern.

Stattdessen schickt das Jugendamt das Kind für zehn Wochen in die Timmendorfer Kinder-Diagnostik. Dort soll herausgefunden werden, warum das Kind so aggressiv ist. Kostenpunkt: rund 10.000 Euro. Im Anschluss empfehlen die Behörden-Verteter in einer Stellungnahme zwei völlig konträre Dinge: "Aus unserer Sicht sind zum jetzigen Zeitpunkt weder die Mutter noch der Vater in der Lage, (...) Jennys Bedürfnisse wahrzunehmen." Um gleich danach festzustellen: "Beim weiteren Verbleib von Jenny im Haushalt bei einem Elternteil empfehlen wir aktuell den Lebensmittelpunkt beim Vater festzulegen."

"Das Kind ist traumatisiert"

Von der Kinder-Diagnostik in Timmendorf wird Jenny Mitte Mai direkt in ein heilpädagogisches Zentrum gebracht. Dort zerlegt die Siebenjährige erst mal das komplette Zimmer. Ergotherapeutin Berndt wundert das nicht: "Dieses Kind ist sowieso traumatisiert. Und ich sage, was dem Kind zusätzlich, von der Mutter weg, zugefügt wird, ob man es überhaupt wieder gut machen kann, ist da erstmal die Frage. Und wenn dann trägt das Kind jetzt noch mehr im Rucksack."

Steht das Kindeswohl im Mittelpunkt?

Dass Vater Thomas seit 2012 keinen Unterhalt für seine Tochter zahlt, spielt für eine Beurteilung übrigens keine Rolle. Da zählen andere Dinge, schreibt das Jugendamt Wandsbek auf Nachfrage von NDR Info. Der Vater selbst will zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen.

Klar ist: In den vergangenen Jahren sollten sich immer mehr Menschen um das Kindeswohl von Jenny kümmern: ein Verfahrensbeistand, ein Umgangspfleger, die Gesundheitsfürsorge, ein freier Träger und jede Menge Ärzte. Geholfen hat es bisher wenig, gekostet aber sehr viel.

Im Jugendamt Wandsbek ist man sich trotzdem sicher, alles richtig gemacht zu haben. Die Mutter des Kindes sieht das anders: Die Behörden wollten einfach ihre Ruhe haben. Ihr dagegen sei das Wichtigste im Leben entrissen worden: ihre Tochter Jenny!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 29.07.2015 | 07:20 Uhr