Stand: 17.05.2013 14:02 Uhr

Passion für Pötte: Der Shipspotter-Künstler

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de
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Der Shipspotter und sein Handwerkszeug: Thomas Kunadt mit seiner Kamera auf dem Blankeneser Ponton "Op'n Bulln".

In Hamburg-Blankenese lebt ein Mann, der schon so viele Schiffe fotografiert hat, dass man vier Tage benötigen würde, um jedes Bild nur eine Sekunde lang anzugucken. Klick. Klick. Klick. Etwa 400.000 sind es bereits. Und Thomas Kunadt knipst immer weiter.

Beim heutigen Shooting um sieben Uhr am Anleger "Op'n Bulln" ist ein Containerfrachter der erste Kandidat. Gemächlich schiebt sich die "CMA CGM Mozart" vor das Teleobjektiv des Shipspotters. Rotgolden funkeln die Fenster des gegenüber liegenden Airbus-Gebäudes in der Morgensonne. "Erst das Licht macht ein Bild besonders", kommentiert Kunadt und drückt auf den Auslöser. Klick. Klick. Klick. "Sehen Sie mal, da oben zwischen den Containern steht ein Unfallwagen." Klick.

Auf der (Kai-)Mauer, auf der Lauer

Es kommt auf die Sekunde an

Von dem Blankeneser Ponton aus hat der Shipspotter die beste Sicht auf alle Schiffe, die in den Hamburger Hafen ein- und auslaufen. Erst nimmt er die "Mozart" vom unteren Teil des Anlegers aus ins Visier. Dann schnappt er sich Kamera und Rucksack und sprintet die Treppe hoch auf eine Empore. Klick. Klick. Klick.

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Im Visier des Shipspotters: Hier nähert sich ein Containerfrachter dem Teleobjektiv von Thomas Kunadt.

Auch wenn die Schiffe langsam erscheinen: Manchmal kommt es auf die Sekunde an. Wenn etwa zwei Frachter einander begegnen oder sich ein Schiff besonders schön im Wasser spiegelt. "Das hier ist Sport", erklärt der drahtige 45-Jährige. Seine rot besockten Füße stecken in weichen Lederschuhen, stets auf dem Sprung.

Kunadt fotografiert nicht nur viel, sondern hat auch immenses technisches Wissen über die Objekte, die vor seiner Linse auftauchen. Die "Mozart" zum Beispiel ist "275 Meter lang, Baujahr 2004, fährt unter französischer Flagge und nimmt Kurs auf Südamerika", spult er die Daten aus dem Gedächtnis ab.

"Mein Forschergeist will raus, ins Freie"

Schon schippert ein neuer Kutter ins Bild. "Schau an, ein Tschechenkahn", sagt Kunadt. Klick. Klick. Klick. Das Schiffchen erinnert ihn an seine Herkunft, ein Dorf in Sachsen namens Bretnig.

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Auch hier hat er die Pötte im Blick: Kunadt auf dem Dach seiner Blankeneser Wohnung.

Dort, in der damaligen DDR, wird Kunadt schon früh zum Entdecker: In den umliegenden Bergwerken findet er Steine, die von vergangenen Zeiten erzählen. Er sammelt exotische Kakteen. Seine Hobbys helfen ihm, aus der gedanklichen Enge des Regimes zu flüchten. Als Jugendlicher beginnt er, sich für Elektromusik zu interessieren, deren Klänge ihn in andere Sphären tragen.

Die Musik ist es auch, die ihn 1991 nach Hamburg führt. Zunächst studiert Kunadt hier Musikwissenschaften. Doch immer wieder zieht es ihn aus dem Hörsaal an die Elbe. "Mein Forschergeist will raus, ins Freie." Die Elbe ist für Kunadt ein magischer Fluss. Er ist fasziniert vom Spiel des Wassers, der Wolken, den Farben des Himmels - und den vorbeiziehenden Pötten mit fernen Zielen in Übersee. "Eines Tages hat es dann 'Klick' gemacht" - er beginnt Schiffe zu fotografieren und die entstandenen Bilder mit Leidenschaft zu sammeln und zu sortieren.