Stand: 17.05.2013 16:47 Uhr

Auf Hafenrundfahrt mit einem Zwangsarbeiter

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de
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Bei der Hafenrundfahrt werden Erinnerungen wach: Wim Aloserey (links) hat den Untergang der "Cap Arcona" überlebt. Heute sitzt sein Enkel Remco Maus neben ihm.

Hamburg, im Frühling 2013: Wim Aloserey blickt aus dem Fenster der Barkasse. Elbwasser klatscht gegen die Scheibe. Der Schriftzug von Hamburgs Aushängewerft Blohm + Voss taucht auf. Dort lief 1927 die "Cap Arcona" vom Stapel, ein Luxusdampfer für Reisen nach Südamerika, sogar mit Tennisplatz. Der Niederländer Aloserey, ehemaliger Zwangsarbeiter und Häftling im KZ Neuengamme, verbindet mit dem Schiff eine Katastrophe.

Lübecker Bucht, am Nachmittag des 3. Mai 1945: Aloserey steht an der Reling der "Cap Arcona". Wohin nur? Wohin? Hinter ihm lodern die Flammen. Vor ihm tut sich das Meer auf. Es rummst und knallt ohrenbetäubend. Rauch beißt in der Nase. Bomben haben die "Cap Arcona" getroffen. In wenigen Minuten wird das Schiff sinken. Menschen laufen panisch hin und her, schreien auf Polnisch, Russisch, Niederländisch und Deutsch um Hilfe. Einige flüchten in die Rettungsboote. Unter der Last zu vieler Menschen bricht eines ab und stürzt ungebremst ins wenige Grad kalte Wasser.

Aloserey blickt nach unten. Zu tief, um zu springen. Da, an der Reling: ein Seil. Etwas marode, aber es könnte halten. Ohne zu zögern schwingt sich der 21-Jährige über Bord und klettert so schnell er kann hinunter. Plötzlich sieht er ein Floß. Elf Menschen drängen sich schon darauf. Aloserey greift nach Händen, die sich ihm entgegenstrecken. Er ist der zwölfte, der letzte. Gerettet.

Ein "schwimmendes KZ"

"Ich habe großes Glück gehabt", sagt der Niederländer heute. Unter dem hellen Trenchcoat trägt er Tweed-Sacko, Hemd und Krawatte, an der linken Hand einen Goldring mit schwarzem Stein. Als einer von gerade einmal 350 Menschen hat er den Untergang der "Cap Arcona" überlebt. Bei den Bombenangriffen der Alliierten - die Soldaten auf dem Schiff vermutet hatten - waren etwa 5.000 Menschen an Bord.

Als "schwimmendes KZ" beschreibt Herbert Diercks, Historiker an der Gedenkstätte Neuengamme, das Schiff zu dem Zeitpunkt, als Aloserey an Bord ist. Gemeinsam mit Tausenden anderer Häftlingen ist der Niederländer gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Konzentrationslager Neuengamme mit Güterzügen zunächst nach Lübeck und dann auf das Schiff in der Bucht gebracht worden. Wegen eines Maschinenschadens liegt es manövrierunfähig vor Neustadt in Holstein, als die Bomben es innerhalb einer Stunde zerstören und sinken lassen.

Hafengeburtstag "schwer zu ertragen"

Dieses Stück nationalsozialistische Geschichte, das eng mit Hamburg verknüpft ist, vermisst Diercks noch im Jahr 1989, als er zum 800. Geburtstag des Hafens am Dock von Blohm + Voss ein riesiges "Kitschbild, pardon: naive Malerei" prangen sieht. Unter der Überschrift "Hafengeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart" zeigt das Plakat die "Cap Arcona" als stolzen Dampfer - ohne Hinweis auf ihr fürchterliches Ende. Überhaupt sind die Jahre des Nationalsozialismus aus dem großen Jubiläums-Geburtstagsprogramm ausgeschlossen.

"Schwer zu ertragen" findet der Historiker eine solche 800-Jahr-Feier "mit Würstchenbuden und oberflächlichem Schnickschnack". Also erarbeitet er mit jugendlichen Teilnehmern eines internationalen Workcamps an der Gedenkstätte Neuengamme eine alternative Hafenrundfahrt. Auf dieser Tour berichten sie vom Hamburger Hafen im Nationalsozialismus - der unter Hitler zum Zentrum der Kriegswirtschaft wurde.

Diercks erzählt auf diesen Rundfahrten von Ereignissen, die einen angesichts ihrer kalkulierten Grausamkeit und ihres Größenwahnsinns sogar bei Frühlingssonne erschaudern lassen.

Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 23.11.2016 | 21:00 Uhr

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