Stand: 10.06.2012 14:30 Uhr  | Archiv

Doppelt schwierig - Gehörlos und Migrant

von Carolin Fromm
Bild vergrößern
Christoph Heesch lehrt Deutsch, Gebärdensprache und die Grundlagen der deutschen Gesellschaft.

Er macht eine Faust und streckt den Daumen hoch. Sehr gut, heißt das. Christoph Heesch kann es nicht laut sagen, er ist gehörlos. Der Dozent schreibt in dem hellen Klassenraum "Adjektive" an das Whiteboard und darunter: "warm - kalt". An einer weißen Wand hängt ein Plakat mit dem Fingeralphabet, vor ihm sitzen vier Männer und eine Frau. Sie kommen aus dem Iran, Afghanistan oder Marokko. Alle sind gehörlos und pauken hier im Integrationskurs deutsche Gebärdensprache (DGS) und Deutsch. Das ist nötig, denn jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache. Ohne Heeschs Engagement würde in Hamburg kein gehörloser Migrant in so einem Kurs lernen.

In Hamburg gab es keinen Kurs

Wie viele gehörlose Migranten es in Deutschland gibt, wissen weder das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) noch der Deutsche Gehörlosen-Bund. Vor rund fünf Jahren fiel Heesch auf, dass es für gehörlose Migranten keinen Kurs gibt, in dem sie Deutsch lernen können. Er war damals Geschäftsführer des Gehörlosenverbandes Hamburg e.V. Heesch begann nach Fördermöglichkeiten zu suchen. "Dem Bundesamt war das Problem bekannt, und in Frankfurt gab es zum Beispiel damals schon einen Kurs. Aber in Hamburg nicht."

Viele Hindernisse für die Migranten

Bild vergrößern
Einkaufen, Bustickets lösen oder zum Arbeitsamt gehen, wird zur Herausforderung, wenn man kein Deutsch versteht.

Heesch beschließt, das zu ändern. Unzählige Emails schreibt er an Behörden und das BAMF und stößt an viele, ganz praktische Grenzen. Die Lehrbücher, die im Kurs benutzt werden müssen, haben drei Teile: hören, sprechen, lesen und schreiben. Doch mit den ersten beiden Abschnitten können Gehörlose nichts anfangen. Heesch entwickelt eigene Arbeitsblätter.

Abschlussprüfungen mit Dolmetscher

Dann will das Unternehmen, das für das BAMF die Prüfungskriterien entwickelt hat, gehörlosen Migranten kein Abschlusszertifikat ausstellen. Sie könnten ja weder den Hör- noch den Sprachtest machen, ist ihr Argument. Das Zertifikat brauchen Einwanderer jedoch, wenn sie sich einbürgern lassen wollen. "Da habe ich gesagt: Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Die Gehörlosen müssen doch irgendeinen Ausgleich bekommen." Heesch bleibt hartnäckig, schlägt vor den Hörtest mit Gebärdensprachdolmetscher zu machen und für den Sprachtest einen Ko-Prüfer dazu zu holen, der beurteilt wie gut die Migranten Gebärdensprache sprechen.

Mittlerweile hat Heesch eine Sprachschule gegründet. 945 Stunden hat er Zeit, den Migranten zwei Sprachen beizubringen. Viel zu wenig, findet er. "Hörende Migranten nehmen auch außerhalb des Kurses die Sprache wahr. Vor dem Fernseher, unterwegs, wenn andere Deutsch reden. Gehörlose können das nicht."

Alleine einkaufen dank des Kurses

Bild vergrößern
"Es war mein Traum hierherzukommen, die deutsche Sprache zu lernen und hier Arbeit zu finden", sagt Abdeljalil Rhoudane.

Auch Abdeljalil Rhoudane kann nicht Radio hören. Im Unterricht meldet sich der Marokkaner ununterbrochen, fragt nach, will unbedingt lernen. Vor acht Monaten kam der 28-Jährige nach Deutschland. Er konnte weder Deutsch noch DGS. In seiner Heimat sprach er französische Gebärdensprache und schrieb Marokkanisch. "Ich habe mich natürlich sehr allein gefühlt, als ich hier ankam, weil ich einfach total aufgeschmissen war." Seine deutsche Frau hat ihm geholfen, sich zurechtzufinden. Sonst, sagt er, wäre er in die Isolation gerutscht.

Während der ersten Monate hat er versucht, mit Händen und Füßen zu reden. Doch die Hörenden verstanden nichts und holten Zettel und Stift hervor. Aber Deutsch schreiben konnte Rhoudane ja nicht. Seit einem halben Jahr lernt er nun in Heeschs Integrationskurs. "Vor Kurzem war ich mal wieder einkaufen und konnte lesen, was auf den Produkten steht. Wenn ich wissen will, ob es etwas Bestimmtes noch gibt, schreibe ich es jetzt einfach auf." Rhoudane will sich mit Händen und Füßen integrieren.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/gehoerlosemigranten101.html