Stand: 14.03.2017 13:53 Uhr

Zwischen Erdogan-Verehrung und -Ablehnung

von Amelia Wischnewski, NDR Info, Elisabeth Weydt, NDR Info

Die Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland werden immer greifbarer. Zuletzt hat nun Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Freilassung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel gefordert. Sie sei Bedingung für weitere Wirtschaftsförderungen. Zuvor hatten verschiedene türkische Politiker Deutschland und anderen europäischen Ländern in der Debatte um die umstrittenen Wahlkampfauftritte Nazi-Methoden vorgeworfen. Wie wirken sich die Spannungen auf die Deutsch-Türken in Norddeutschland aus? Was erwarten sie von der Politik? NDR Info hat sich in Hamburg umgehört.

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Die Regierung des türkischen Präsidenten Erdogan wirbt für die Zustimmung zum Präsidialsystem.

Im Gemeindesaal der Centrum-Moschee hinter dem Hamburger Hauptbahnhof trifft man sich zum Diskutieren, Beten und Mittagessen. Ein 28-jähriger Schiffbauer aber sitzt allein am Tisch. Seinen Namen will er nicht nennen. Er will beim Referendum für das Präsidialsystem unter Präsident Recep Tayyip Erdogan stimmen, findet aber, dass die Stimmung viel zu aufgeheizt ist: "Mit meinen Kollegen rede ich da nicht viel drüber. Um ehrlich zu sein, meide ich auch die Diskussion. Es sind nicht die Argumente, die beherrschend sind, hinsichtlich der Diskussion, sondern einfach nur in welchem Lager man sich positioniert."

Referendum als großes Gesprächsthema

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Am Steindamm in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs haben viele Deutsch-Türken ihre Geschäfte.

Ein paar Häuser weiter liegt der belebte Steindamm. Restaurants reihen sich an Wettbüros und türkische Supermärkte. Vor seinem Laden erzählt ein 25 Jahre alter Kassierer, dass auch er hinter Erdogan steht. Auch er will anonym bleiben: "Zurzeit ist das Thema ganz groß. Früher war das nicht so. Aber jetzt reden sogar 17- und 18-Jährige nur über dieses Thema. Früher hat jeder auf sein Handy geguckt, jetzt gucken sie nicht mehr auf WhatsApp, sondern gucken die Nachrichten.  N-TV, was weiß ich, türkische Nachrichten."

"Ich kann die Diktatur nicht unterstützen"

Ein modernes türkisches Restaurant am Hafen. Hier treffen sich türkische Künstler, junge Familien und Studenten. Der 51-jährige Besitzer sieht die europäischen Werte in Gefahr, sollte Erdogan seine Macht durch ein Präsidialsystem festigen. Er fürchtet radikale Erdogan-Anhänger. Seinen Namen will er ebenfalls nicht nennen: "Dass man jetzt die Akzente setzt und sagt Nein zur türkischen Politik hier in Deutschland, finde ich super. Ich kann die Diktatur von drüben von hier aus nicht unterstützen. Das finde ich fatal, wenn wir das machen würden. Dazu sind wir in Deutschland nicht zu haben."

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Wunsch nach "verbaler Abrüstung"

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Yavuz Köse hat die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft. Er findet die verbalen Attacken der Türkei beschämend.

Offen reden nur wenige über den Konflikt. Das bemerkt auch Yavuz Köse, Professor für Turkologie an der Universität Hamburg: "Was ich beobachte, ist eigentlich beunruhigend in der Hinsicht, dass Studierende sich auch in Seminaren, in denen es um die Gegenwart der Türkei geht, kaum zu diesen Themen äußern wollen. Das ist dem geschuldet, dass seit dem Putschversuch auch hier in Deutschland eben massiv gegen Andersdenkende gewettert wird. Und das bringt sogar Studierende dazu Angst zu haben." Er macht sich Sorgen, dass die Eskalationsstufen immer weiter vorangetrieben werden und wünscht sich, dass beide Seiten verbal abrüsten. Vor allem die türkische Regierung. Die schüre bewusst Ressentiments.

Zwischen zwei Stühlen

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Bülent Güven unterstützt die Politik Erdogans, er hält ihn für einen Reformer. Im Streit mit Deutschland wünscht er sich aber Abrüstung.

Auch der Deutsch-Türke Bülent Güven wünscht sich Abrüstung im Streit: "Ich bin darüber sehr enttäuscht, weil das für mich wie ein Streit in der Ehe ist. Vater und Mutter streiten und die Kinder stehen ratlos da. Und so fühle ich mich momentan, ich bin sehr traurig, wie sich die Lage entwickelt hat und jetzt eskaliert."

Güven ist Unternehmensberater in Hamburg und im Vorstand der Union Europäisch-Türkischer Demokraten. Er unterstützt Erdogans Politik, sieht ihn als Reformer. Zwischen Deutschland und der Türkei möchte er sich aber nicht entscheiden müssen. Beide Länder schätze er sehr.

Das Titelbild der WhatsInfo-Folge zum Thema "Präsidialsystem" © Screenshot

WhatsInfo: Ein Präsidialsystem für die Türkei?

NDR Info -

In der Türkei wird über ein Präsidialsystem abgestimmt. Der türkische Präsident könnte in Zukunft nicht nur Staatschef, sondern auch Regierungschef sein. WhatsInfo erklärt's!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 14.03.2017 | 06:50 Uhr

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