Stand: 06.04.2014 19:00 Uhr

Zuflucht für bedrohte Menschenrechtskämpfer

In seiner Heimat Bangladesch gilt Blogger Asif Mohiuddin als "Feind des Islams" und wird bedroht - für ein Jahr lebt er im Exil der Stiftung für politisch Verfolgte in Hamburg.

Es waren die Schläge auf den Kopf, die ihn zuerst ins Wanken brachten. Ein dumpfer, unerträglicher Schmerz. Dann stachen sie zu - 53 Mal. Als die Angreifer von ihm abließen, blieb Asif Mohiuddin blutüberströmt und lebensgefährlich verletzt in seinem Büro liegen.

Ein Leben in permanenter Angst

Mohiuddin ist Menschenrechtsaktivist. In seiner Heimat Bangladesch setzt sich der 30-jährige Blogger für die Rechte von Frauen, das Recht auf Bildung und die kritische Auseinandersetzung mit dem fundamentalistischen Islamismus ein. Die Attentäter waren islamistische Extremisten. Mohiuddin wird immer wieder wegen seiner Äußerungen angefeindet, nach der Messerattacke im Januar 2013 beginnt für ihn ein Leben der Angst und des Versteckens.

"Stipendium ist das größte Geschenk"

Doch damit ist es vorerst vorbei: Für ein Jahr ist der Blogger Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. "Das ist das größte Geschenk und ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich die Nachricht bekam", sagt Mohiuddin. Seit einer Woche ist der junge Mann in der Hansestadt und kann durchatmen, Kraft schöpfen. Genau das ist auch das Ziel der Nichtregierungsorganisation, die seit 1986 pro Jahr fünf bis acht Menschenrechtsaktivisten ein einjähriges Stipendium gewährt. Die Ursprungsidee hatte Klaus von Dohnanyi, damals noch Erster Bürgermeister in Hamburg.

Rund 140 Verfolgte haben so in den 28 Jahren an der Elbe Zuflucht gefunden: unter ihnen Frauenrechtlerinnen aus dem Iran, Oppositionspolitiker aus Nigeria, kurdische Rechtsanwälte und russische Journalisten.

Stiftung versorgt Gäste rundum

Bild vergrößern
Seit 22 Jahren leitet Martina Bäurle mit Herz und Managementgeschick die Stiftung für politisch Verfolgte.

Die Stiftung für politisch Verfolgte zahlt ihren Gästen nicht nur die Flugtickets nach Deutschland, sondern auch ein Jahr lang die Wohnungsmiete, einen monatlichen Unterhalt, die Telefonkosten, Krankenversicherungen und Sprachkurse. 25.000 bis 33.000 Euro kostet ein Gast pro Jahr - je nachdem wie viele Familienmitglieder er mitbringt. Die Stiftung selbst finanziert sich durch den Hamburger Senat und durch private Spenden. Dafür bringen die Stipendiaten viel mit: Sie berichten auf Podiumsdiskussionen und in Schulen aus ihren Heimatländern und von ihrer Idee, publizieren und fungieren als Multiplikatoren. Am Ende sollen die Gäste mit einem größeren Netzwerk wieder nach Hause fahren. Dafür organisiert die Stiftung Treffen mit anderen Menschenrechtsaktivisten und fördert ihren Austausch.

"Aufgeben ist keine Option"

Wenn es die Situation in ihrem Land zulässt, gehen die meisten der Stipendiaten nach dem Jahr wieder zurück. Das steht auch für Blogger Mohiuddin fest: "Aufgeben ist für mich keine Option. Ich gehe nach Bangladesch und kämpfe weiter für die Meinungsfreiheit."

Bewunderung für Mut der Aktivisten

"Ich bewundere diese Menschen alle. Das ist ein enormer Mut, sein Leben so einer guten Idee zu widmen, nämlich Demokratie und Freiheit. Und sich nicht einschüchtern zu lassen und so viel hinzunehmen", sagt Martina Bäurle. Seit 22 Jahren leitet sie die Stiftung und ist Geschäftsführerin, Eventmanagerin, Pressesprecherin, Psychologin und Inneneinrichterin in einem.

Das Einleben in Hamburg fällt schwer

"Willkommen heißen", lautet ihre Grundphilosophie. Dafür empfängt Bäurle die neuen Gäste gerne mit Blumen am Flughafen und füllt den Kühlschrank in der Gästewohnung vor der Ankunft mit landestypischen Speisen. Sie will Vertrauen aufbauen und Nähe schaffen, denn das Einleben fällt allen Gästen oft schwer. Die permanente physische und psychische Bedrohung in ihren Heimatländern ist noch zu gegenwärtig.

So ist es auch für Blogger Mohiuddin eine große Umstellung ohne Maskierung aus dem Haus zu gehen oder sich einfach in ein Café in seinem neuen Wohnviertel, der Schanze, setzen zu können. Am schwersten fällt vielen Gästen die anfängliche Einsamkeit. Martina Bäurle bemüht sich zwar, die Stipendiaten mit gemeinsamen Unternehmungen und Kontakten zu Hamburgern gut einzubinden, doch die ersten drei Monate sind hart. In seinem Jahr in Hamburg will Mohiuddin sich mit französischen Poeten und deutschen Philosophen beschäftigen: Nietzsche, Kant, Marx. Auch diese Freiheit ist ungewohnt - daran, wann er das letzte Mal in Ruhe ein Buch lesen konnte, kann er sich nicht mehr erinnern.

Weitere Informationen

"Sie haben Waffen - ich habe meine Tastatur"

Er kämpft für Meinungsfreiheit in seiner Heimat Bangladesch - und wurde dafür fast umgebracht. Trotzdem will der Blogger Asif Mohiuddin sein Hamburger Exil bald wieder verlassen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Weltbilder | 05.04.2016 | 23:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:34

Elphi-Fensterputzer: Job mit Ausblick

22.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:40

Die letzte Hanseboot

22.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
01:52

Sortenvielfalt: Ein Verein im Dienst der Tomate

22.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal