Stand: 31.01.2014 07:30 Uhr

Yagmurs Tod: Jugendämter mitverantwortlich

Hätte der Tod der dreijährigen Yagmur aus Hamburg-Billstedt verhindert werden können? Der Bericht der Jugendhilfeinspektion fasst es deutlich zusammen: Die Jugendämter sind mitverantwortlich. Die Gefahr, in der sich Yagmur befand, wurde in den zuständigen Ämtern übersehen. Trotz vieler Warnungen.

"Eine Verkettung von Fehlern"

Leichtgläubigkeit, schlechte Übergaben und Überlastung: "Es gibt nicht den zentralen Fehler, es war eine Verkettung von Fehlern", sagte der Leiter der Jugendhilfeinspektion, Horst Tietjens. Aber das zeigt auch: Es gab immer wieder Momente, in denen man das Schicksal des Kindes hätte verhindern können. Genau diese Stellen - an denen man sich hätte anders verhalten können - wollte man finden, erklärte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD).

Warnhinweise wurden nicht richtig bewertet

Es gab viele Warnhinweise. Doch offenbar wurden sie von den Mitarbeitern in den Jugendämtern in den Bezirken Eimsbüttel und Mitte nicht richtig bewertet. Der Bericht bescheinigt "zweifellos eine schwierige Personal- und Belastungssituation". Aber es heißt auch: Die Sensibilität für das Wohlergehen des Kindes sei schlicht abhandengekommen. "Die Überlastungssituation der Mitarbeiter ist so extrem, dass aus zeitlichen Gründen viele Dinge nicht weiterverfolgt wurden", erklärte die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke.

Der Prüfbericht kommt NDR 90,3 zufolge zu dem Schluss, dass eine Jugendamts-Mitarbeiterin die Dreijährige nicht wieder zu ihren leiblichen Eltern hätte geben dürfen, obwohl eine Familienrichterin am 7. Mai vergangenen Jahres genau dieses ausdrücklich erlaubte. Denn es gab den Verdacht, dass das damals bei einer Pflegefamilie lebende Mädchen bei Besuchen seiner Eltern misshandelt wurde.

"Verstoß gegen anerkannte Grundsätze guter Sozialarbeit"

Das Verhalten der Mitarbeiterin sei deswegen zwar kein Rechtsverstoß, aber ein eklatanter Verstoß gegen "anerkannte Grundsätze guter Sozialarbeit". Daran sollten Mitarbeiter immer denken, sagte Sozialsenator Scheele. "Es ist immer schlimmer in solchen Familien, als es man sich jemals vorstellen kann. Jede Entscheidung von vor zwei Wochen gehört immer neu auf den Prüfstand. Das haben wir bei Chantal gesehen und das sehen wir bei diesem Fall." Scheele sagte auch, dass es zunächst weder für Mitarbeiter noch für politisch verantwortliche Bezirkschefs personelle Konsequenzen geben solle.

Auch im Bezirk Mitte sollen nach einem Umzug der Familie Yagmurs bei der weiteren Betreuung Fehler gemacht worden sein. Die Jugendhilfeinspektion ging möglichen Fehlern der Jugendrichterin oder der Staatsanwaltschaft nicht nach. Letztere hatte eine Anzeige gegen Yagmurs Mutter im Sande verlaufen lassen.

CDU: "Bild totalen Versagens"

"Der Bericht der Jugendhilfeinspektion zeichnet ein Bild totalen Versagens und fundamentaler Fehleinschätzungen nahezu aller beteiligten Stellen, die in Yagmurs Leben eine Rolle gespielt haben", sagte der CDU-Abgeordnete Christoph de Vries. "Neben der Rolle der Jugendämter müssen auch Staatsanwaltschaft, Familiengericht und die betreuende Kita unter die Lupe genommen werden." Dazu macht der Bericht der Jugendhilfeinspektion keine Aussagen.

Behörde prüft Behörde

Es ist der erste Untersuchungsbericht der neu zusammengestellten Hamburger Jugendhilfeinspektion. Sie ist eine Fachaufsicht, die bei der Sozialbehörde angesiedelt ist. Laut Behörde arbeitet sie trotzdem unabhängig. Die Inspektion wird seit dem vergangenen Jahr eingesetzt, um die Arbeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes in den Jugendämtern zu überprüfen und zu verbessern. Die Einrichtung der Jugendhilfeinspektion war eine Reaktion auf den Tod des Pflegekindes Chantal Anfang 2012.

Vater unter Tatverdacht

Yagmur war am 18. Dezember in der Wohnung ihrer Eltern in Billstedt infolge eines Leberrisses gestorben. Sie verblutete innerlich. An ihrem Körper fanden sich mehr als 80 Hämatome und Quetschungen. Ihr Vater soll sie misshandelt und tödlich verletzt, die Mutter nichts dagegen getan haben. Beide sitzen in Untersuchungshaft.

Interview

"Keine Experimente mehr mit Pflegekindern"

In Hamburg wird nach dem Tod der dreijährigen Yagmur erneut über den Umgang mit Pflegekindern und Behörden-Versäumnisse diskutiert. NDR.de sprach mit Volker Krampe vom Pflegeelternrat. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 30.01.2014 | 13:00 Uhr