Stand: 03.12.2015 14:27 Uhr

Wohin mit Deutschlands größter Kleiderkammer?

von Hanna Grimm, NDR.de

"Von diesem Ausblick kriege ich immer eine Gänsehaut", sagt Christian Schad. Der 47-Jährige steht auf einer Art Balkon in der Hamburger Messehalle und blickt über ein Meer aus Umzugskartons. 8.000 Quadratmeter, 70.000 Kisten: alles Spenden der Hamburger für Flüchtlinge und andere Bedürftige. Tausende Menschen haben geholfen. Es ist möglicherweise die größte Kleiderkammer Deutschlands. Doch das Projekt ist bedroht. Nach zwei Umzügen muss die Sammelstelle am 15. Dezember endgültig aus den Messehallen ausziehen. Ein Lager haben die Organisatoren bereits gefunden, eine Halle für das Annehmen und Sortieren von Spenden fehlt noch.

Deutschlands größte Kleiderkammer sucht neues Zuhause

Gesucht: Viel Platz, citynah, kleine Miete

Das, was die Kleiderkammer-Freiwilligen suchen, ist schwer zu finden: 800 Quadratmeter sollen es sein, möglichst nah an der Innenstadt. Parkmöglichkeiten sollten vorhanden sein, LKW müssen Platz zum An- und Abladen haben. Miete können die Helfer nicht zahlen, lediglich einen Mietzuschuss der Stadt gibt es. Aber der liege weit unter der ortsüblichen Miete, so Schad.

Gemeinsam mit Behörden und einem großen Hamburger Makler suchen er und seine Kollegen mit Hochdruck nach der neuen Halle. "Wir alle fahren mit offenen Augen durch die Stadt. Immer wenn ich ein leeres Gebäude sehe, finde ich raus, ob wir es mieten könnten", sagt er. Etliche Anfragen und einige Angebote habe es schon gegeben, doch alle hätten sich bislang zerschlagen. Das letzte, weil das Gebäude asbestverseucht war.

"Muss in Fahrrad-Entfernung liegen"

Findet die Messehallen-Crew keine geeignete Immobilie, steht viel auf dem Spiel. "Wir verlieren unseren Anlaufpunkt für Helfer und Spender, unser Gesicht", sagt Schad. Unten in der Halle packt Helferin Riekje Winzer gerade Umzugkartons aus. Die Studentin hat gerade wenig zu tun an der Uni und kommt fast jeden Tag in die Kleiderkammer. "Ich brauche nur fünf Minuten mit dem Rad hierher", sagt sie. Der neue Standort müsse für sie in Fahrrad-Entfernung liegen. Zwar begeistert sie die Arbeit in der Halle, aber sie ist realistisch: "Wenn ich weit Bus fahren müsste oder es mit dem Rad zu lange dauert, würde ich es sicher nicht so oft schaffen."

Was kommt nach dem Sommermärchen?

Bild vergrößern
Sein Motto: "Einfach machen". Christian Schad sucht derzeit mit Hochdruck nach einem neuen Standort für die Kleiderkammer.

Auch weil sich Menschen wie Winzer regelmäßig einbringen, ist die Kleiderkammer in den Messehallen so groß geworden. "Zu Hochzeiten sind an Wochenenden über 1.000 Freiwillige gekommen", erinnert sich Schad. "Es war ja regelrecht chic, sich in der Kleiderkammer zu engagieren." Dieses "Sommermärchen" sei mittlerweile vorbei. Überhaupt nicht schlimm, findet Schad. "Wir arbeiten heute viel effizienter und brauchen nicht mehr so viele Menschen."

Professioneller ist auch die Organisation geworden. Aus vielen unorganisierten Helfern ist ein gemeinnütziger Verein mit fünf Vorstandsmitgliedern entstanden. "Das ist ein wichtiger Schritt gewesen. Wir haben Verantwortung, weil wir über 100 Einrichtungen mit Kleidung beliefern - nicht nur Flüchtlinge, auch Obdachlose oder Kinderheime", sagt Schad.

Von schlaflosen Nächten

All das haben die Kleiderkammer-Leute seiner Meinung nach geschafft, weil sie "einfach machen". Für Schad gibt es kein "geht nicht" oder "klappt nicht". Aber der 15. Dezember rückt immer näher, in knapp zwei Wochen müssen die Helfer aus der Halle. "Eine Herausforderung", sagt Schad und lacht. "Schlaflose Nächte habe ich - aber nicht weil ich mir Sorgen mache, sondern weil ich hier viel arbeite."

Weitere Informationen
mit Video

Hamburgs größter Kleiderschrank zieht wieder um

Ab heute rollen wieder Umzugs-Lkw über das Gelände der Hamburger Messehallen. Nach Ende der Hanseboot zieht die Kleiderkammer mit Spenden für die Flüchtlinge erneut um. (10.11.2015) mehr

mit Video

Wenn Menschen einfach helfen

Der erste Gedanke: Chaos. Der zweite: Was für eine Energie! Die Messehalle B7 in Hamburg gleicht einem Bienenstock. Zwei Reporter des NDR waren eine Woche unter Flüchtlingshelfern. (14.09.2015) mehr

Wie wir mit Flüchtlingen zusammenleben

NDR Reporter begleiten mehrere Monate lang Flüchtlinge und Norddeutsche, die mit ihnen zu tun haben. Welche Hoffnungen und Ängste haben sie? Und wie entwickelt sich das Zusammenleben? mehr

Flüchtlinge in Norddeutschland

Viele Flüchtlinge kommen Tag für Tag in Norddeutschland an. Auf NDR.de finden Sie aktuelle Meldungen und Hintergründe rund um das Thema sowie Informationen speziell für Flüchtlinge. mehr