Stand: 24.01.2016 18:24 Uhr

Wo Wohnraum leer bleibt

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In Hamburg-Neuenfelde stehen seit Jahren Häuser leer. Bewohner aus dem Sadtteil wünschen sich, das der Leerstand beendet wird.

Tausende Flüchtlinge leben in Hamburg teilweise unter schwierigen Bedingungen in Baumärkten, Gewerbehallen oder in Zelten. In Hamburg-Neuenfelde gibt es Immobilien im Besitz des städtischen Wohnungsbaukonzerns SAGA GWG. Doch die Stadt lässt hier viele Häuser seit Jahren leer stehen.

Aus Angst vor Klagen

Für Britta Herrmann, Fraktionschefin der Grünen in Harburg, ist das ein Unding. In den Häusern könne der rot-grüne Senat Flüchtlinge unterbringen, meint die Grüne. "Das, was wir an Kapazitäten haben, muss genutzt werden", sagt Herrmann dem Hamburg Journal. Die Sozialbehörde habe nur Großunterkünfte im Blick, das werde aber zum Problem werden.

Die Häuser in Neuenfelde hat die Stadt vor zehn Jahren aus Angst vor Klagen gegen die damalige Airbus-Erweiterung aufgekauft. Die alten Bewohner zogen weg und neue Bewohner ließ die Stadt nicht herziehen. Die SAGA, die die Häuser erst jetzt übernommen hat, wollte sie sogleich für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Doch der Senat lehnte es ab. Unwirtschaftlich, meinte die Stadt - dabei hat sie in den vergangenen Jahren einen Mietausfall von mehr als 25.000 Euro im Monat in Kauf genommen. Hamburgs Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel erklärt dazu: "Die Sanierungskosten sind hoch und die Häuser zu klein, um die Unterbringung der vielen Flüchtlinge, die täglich nach Hamburg kommen, zu gewährleisten.“

Über Sinn und Unsinn des Häuseraufkaufs

Die Stadt hat von 2002 bis 2006 insgesamt 67 Häuser in Neuenfelde gekauft und leer stehen lassen. "Dadurch sollte verhindert werden, dass dort private Mieter übermäßigem Fluglärm ausgesetzt werden bzw. gegen die Stadt oder Airbus klagen mit dem Ziel, die planfestgestellte Werkserweiterung durch Klagen weiter zu verzögern", hieß es 2011 dazu aus der Wirtschaftsbehörde. Ein Lärmgutachten aus dem Jahr 2010 kam jedoch zu dem Schluss, dass die Häuser "grundsätzlich privat vermietet werden können, ohne gesundheitliche oder ansonsten nicht hinnehmbare Lärmbeeinträchtigungen zu verursachen und ohne die Investitionen in die Werkserweiterung einem erhöhten Klage- und Abwehrrisiko auszusetzen."

Container statt Häuser

Klaus Quast und ein ganzes Bündnis von Mitstreitern kämpft seit Jahren darum, dass die Häuser wieder genutzt werden. Wenn er von der Unterbringungsnot der Stadt hört, kann er nur den Kopf schütteln. "In Neuenfelde gibt sehr viel Platz und es wäre ganz einfach, dort Flüchtlinge unterzubringen", sagt Quast. Die Menschen würden hier sich freuen, wenn wieder etwas leben in die Straße käme.

Stattdessen bringt die Stadt 500 Flüchtlinge ebenfalls in Neuenfelde auf dem Gelände der insolventen Sietas Werft in Containtern unter - rund zwei Kilometer entfernt. Hier gibt es weder Nachbarn, Schule oder Kitas und Integration dürfte so kaum möglich. Bei einer Informationsveranstaltung forderten die Neuenfelder zuletzt, die Flüchtlinge doch ins Dorf zu holen. Doch laut SAGA gibt es aktuell aber keine konkreten Planungen. Die Häuser stehen noch viele weitere Monate leer - bis irgendwann die Abrissbirne kommt.

5.000 Wohnungen in Hamburg ungenutzt

Verteilt in ganz Hamburg sind rund 10.000 Flüchtlinge in Baumarkthallen untergebracht - in einer Halle schlafen bis zu 1.200 Menschen. Hochrechnungen zufolge stehen in Hamburg rund 5.000 Wohnungen leer, allein bei der SAGA GWG sind es 1.300. Gibt es für länger andauernden Leerstand keine guten Gründe, können die Ämter sogar Geldbußen verhängen. Das machen sie allerdings fast nie: 687 Mal haben die Behörden in den vergangenen zwei Jahren wegen Leerstands gegen Privateigentümer ermittelt - in nur sieben Fällen seien laut Senat Bußgelder verhängt worden.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 24.01.2016 | 19:30 Uhr

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