Stand: 31.01.2014 15:02 Uhr

Wir Drogenkinder - die letzte Chance

von Birgit Wärnke & Christian von Brockhausen

Er sieht aus wie ein ganz normaler Jugendlicher: Jannik ist 17 und hat aber schon mehr erlebt als die meisten Erwachsenen. "Das Geld, was ich mir durch die Nase gezogen habe, dafür hätte ich mir eine Doppelhaushälfte kaufen können", sagt er. Jahrelang war er auf Speed. Angefangen hat er mit chemischen Drogen, da war er gerade mal 13.

Jungendliche bei einer Therapiesitzung

Wir Drogenkinder - die letzte Chance

Panorama - die Reporter -

Sie haben Erfahrung mit Speed und Crack - gekifft hat eh jeder: Panorama - die Reporter erzählt die Geschichten drogenabhängiger Jugendlicher in einer Hamburger Fachklinik.

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Koks, Speed und Crack

So geht es den meisten im "Come In!", einer Hamburger Fachklinik für suchtkranke Jugendliche. Sie haben Amphetamine, Speed oder Crack genommen, gekifft hat hier jeder. Und sie alle waren noch Kinder, elf, zwölf, 13 Jahre alt. Sie erzählen viele Geschichten, die nicht zu ihren jungen Gesichtern passen.

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01:25 min

Wir Drogenkinder: Das Video-Tagebuch

04.02.2014 21:15 Uhr
Panorama - die Reporter

Die Jugendlichen bekamen eine Kamera und filmten ihren Alltag selbst. Die Bilder zeigen, was sie beschäftigt, was sie glücklich und was sie traurig macht. Video (01:25 min)

Kinder mit langen Strafakten

Der 16-jährige Mussaj zum Beispiel: Noch vor wenigen Monaten hat er eine Spielhalle mit einer Waffe überfallen, um an Geld für Stoff zu kommen. Er hat die Kassiererin bedroht. Jetzt sitzt er in der Therapierunde und liest einen Zettel vor: 15 Mal Körperverletzung, 5 Mal Erpressung, 25 Raubüberfälle, Dutzende Einbrüche und Diebstähle. Die Bilanz seines Lebens: "Ich könnte weinen, wie ich die Leute geschlagen habe", sagt er.

Die Sucht besiegen oder ins Gefängnis gehen

Das "Come In!" ist für Mussaj und die anderen suchtkranken Jugendlichen so etwas wie die letzte Chance. Den harten körperlichen Entzug haben sie hinter sich. Jetzt müssen sie Orientierung, Struktur und den Weg zurück in ein normales Leben finden, ein Leben ohne Drogen.

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Der tägliche Kampf um ein normales Leben bedeutet für die Heranwachsenden eine große Herausforderung.

Therapiesitzungen, Schule, Praktika, Arbeitsgemeinschaften, Gruppenrunden: Jeden Tag müssen Gespräche geführt und Bekenntnisse vor den anderen Jugendlichen abgelegt werden. Wer sich früher in den Drogenrausch zurückgezogen hat, muss jetzt den Mut zur schonungslosen Offenheit aufbringen. Es gibt Wut und Tränen, aber keine Alternative, denn viele der Jugendlichen sind auf Bewährung oder mit gerichtlicher Auflage im "Come In!". Brechen sie die Therapie ab, droht ihnen oft Gefängnis.

Lückenhafte Statistik

Laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung sinkt der Cannabiskonsum bei Jugendlichen. Auch sei die Zahl der Drogentoten im Jahr 2012 mit 944 Personen auf den niedrigsten Stand seit 1988 gesunken. Es sind eher Nebensätze, in denen auf den Anstieg synthetischer Drogen hingewiesen wird. Und der Mischkonsum - das wilde Einwerfen völlig unterschiedlicher Suchtstoffe - ist viel zu wenig erfasst. Kinder wie Jannik und Mussaj gehen daher in den statistischen Jubelmeldungen schnell unter. Denn genau das ist das Problem bei den Jugendlichen im "Come In!".

Der Weg zurück ins Leben

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Jannik (re.) und Mussaj beim Tauchen: Daumen hoch für eine bessere Zukunft.

Es sind viele kleine Etappen und jede Menge Rückschläge, die die Jugendlichen vor sich haben. Jannik möchte seinen Hauptschulabschluss machen, verzweifelt aber immer wieder. Er will Bürokaufmann werden. Mussaj haut zwei Mal von der Therapie ab, die Konsequenzen könnten das Ende seiner letzten Chance bedeuten. Die Geschichten von Mussaj und Jannik spiegeln den Alltag im "Come In!" wieder. Jeder zweite Jugendliche bricht die Therapie ab. Das klingt ernüchternd, bedeutet aber auch, dass jeder zweite Jugendliche durch Orte wie das "Come In!" eine echte Chance bekommt: ein Stück Hoffnung auf ein normales Leben.

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Drogenstatistik

Welche Drogen werden am häufigsten konsumiert, wo und von wem? Zahlen des Bundeskriminalamtes, der Drogenbeauftragten und der Suchthilfestatistik. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 04.02.2014 | 21:15 Uhr