Stand: 05.10.2015 14:58 Uhr

Wie Flüchtlinge einen Stadtteil verändern

von Elisabeth Weydt, NDR Info

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Hamburg. Sie leben in Erstaufnahmelagern oder in Folgeunterkünften in den Stadtteilen. Wie verändern die neuen Bewohner die Viertel der Hansestadt? Im Hamburger-Bahrenfeld zum Beispiel leben 3.200 Flüchtlinge unter 26.000 Alteingesessenen.

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In die Kita Räuberhöhle gehen vier Kinder aus Flüchtlingsfamilien.

Morgens in der Kita Räuberhöhle: Malú und zwei andere Mädchen spielen mit einem Steckenpferd. Vier von 40 Kindern sind Flüchtlinge. Vor einem halben Jahr kam das erste. Der Anfang war nicht einfach, erzählt die Leiterin, Nicole Kursawe. Das lag vor allem an der Verständigung. "Wir konnten uns nur mit Händen und Füßen unterhalten. Die Eltern haben das Kind gebracht und wollten gleich wieder gehen." Erst habe das Kind fast seine gesamte erste Kita-Zeit durchgeweint und sei dann noch mal zu den Eltern geschickt worden. Mittlerweile spielt es zufrieden mit den anderen Kindern. Die Flüchtlingskinder sind mit sogenannten Kita-Gutscheinen der Stadt in der Räuberhöhle.

Menschen zusammen bringen

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Nathan Arilischré ist Quartiersmanager in Bahrenfeld.

Ein paar Straßen weiter hat Quartiersmanager Nathan Arileshere sein Büro. Der 34-Jährige ist in Hamburg geboren, ein Teil seiner Familie stammt aus Nigeria. Jetzt bringt er in Bahrenfeld Flüchtlinge und Bürger zusammen. "Es gibt an ganz vielen Stellen Turbulenzen, weil die Bevölkerung im Stadtteil sprunghaft angestiegen ist", sagt er. "Zum Beispiel gibt es auf Bezirksebene zu wenig Personal." Dennoch würde in Bahrenfeld derzeit eine positive Stimmung vorherrschen. "Wenn wir zusammenarbeiten, kann es gelingen, dass wir diese Menschen in unsere Stadt integrieren", sagt Arileshere.

Menschen, die helfen wollen

Am Abend hat er einen Termin in der Steenkamp-Siedlung. Hier stehen schicke Häuschen mit gepflegten Vorgärten. In der Nachbarschaft soll eine neue Flüchtlingsunterkunft für mehr als 600 Menschen eingerichtet werden. Eine Unterkunft für 300 Menschen ist schon in der Nähe. Bei dem Treffen geht vor allem um die Frage, wie man helfen kann. Kaum jemand äußert Bedenken. Für den Quartiersmanager ein positives Signal: "Ich hab Bahrenfeld in der Vergangenheit immer eher als konservativen Stadtteil eingeschätzt. Hier leben viele, die wenig Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund haben." Nichtsdestotrotz seien es diese Menschen, die helfen wollten. Wichtig ist Arileshere und auch den Steenkampern, dass die Angebote nicht nur für Flüchtlinge gelten sollen, sondern generell für bedürftige Menschen.

Ein Flohmarkt, viele Sprachen

Der samstägliche Flohmarkt an der Trabrennbahn. Hier wird in allen möglichen Sprachen gehandelt: Arabisch, Türkisch, Deutsch, Yoruba aus Westafrika. Eine Verkäuferin sagt: "Es is eigentlich so, dass die Deutschen hier immer schon in der Minderheit waren, aber jetzt hab ich das Gefühl, ich bin bis auf ganz wenige hier die einzige Deutsche und ich finde das bedrohlich." Eine andere widerspricht: "Es hat sich vieles verändert. Es sind noch mehr Ausländer da, aber das ist positiv. Ich mag diesen Flohmarkt gern, weil er locker ist. Ein echter Flohmarkt." Manche Händler sagen, es werde jetzt mehr geklaut als früher, die Polizeistation in Bahrenfeld kann das aber nicht bestätigen.

Viel los in der Kleiderkammer

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In der Kleiderkammer in Bahrenfeld werden mittlerweile 3.000 Menschen versorgt.

Die Kleiderkammer der Luthergemeinde: Bettina Buhr arbeitet hier seit zwei Jahren ehrenamtlich. Früher haben sie hier 300 Menschen mit Jacken und Hosen versorgt, jetzt sind es 3.000, viele von ihnen sind Flüchtlinge. Die zupackende Frau führt ein strenges Regiment. "Wenn es hier ein Problem gibt, stell ich mich hin und schrei. Dann ist alles wieder gut", sagt sie. "Die Politik macht sich das ziemlich einfach mit den ganzen Ehrenamtlichen. Ich glaube, ohne Leute wie mich, die selber Hartz IV kriegen, würde das so auch alles nicht funktionieren."

Fast normaler Alltag

In der Kita Räuberhöhle fallen die vier Flüchtlingskinder unter 40 kaum auf. Eines der Mädchen spricht schon fließend Deutsch, die anderen verstehen fast alles und die Eltern kommen zu den Elternabenden. Fast normaler Alltag. Im Dezember wird das nächste Kind aus einer Flüchtlingsfamilie in die Räuberhöhle aufgenommen.

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NDR Info | 05.10.2015 | 08:00 Uhr