Stand: 09.02.2017 12:45 Uhr

Urteil nach Hetze gegen KZ-Überlebende Bejarano

Bild vergrößern
Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano äußerte sich erfreut über das Urteil. (Archivfoto)

In Fulda ist ein Mann wegen Verleumdung der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano in einem Facebook-Post zu 60 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt worden. Die Hamburgerin Bejarano zeigte sich erfreut über das Urteil. "Ich bin sehr froh, dass endlich mal solche Dinge, die öfters passieren; von Leuten, die wie Neonazis sprechen, geahndet werden." Die 92-Jährige war vor Gericht nicht anwesend, da sie den Beschuldigten nicht persönlich treffen wollte. "Sie war nicht vorgeladen und wollte mit diesem Mann auch nicht in einem Raum sein", sagte ihr Freund und Verleger Karl-Heinz Dellwo NDR.de. Seinen Angaben nach sagte der Richter des Amtsgerichts Fulda, auch 30 Tagessätze hätten ausgereicht, jedoch habe dieser Fall besondere Bedeutung. Der Täter habe sich entschuldigt und von seiner Tat distanziert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Beschuldigter bezeichnete Bejarano als Täterin

"So infam bin ich bisher noch nicht beleidigt worden", hatte Bejarano NDR.de gesagt, als sie die Anzeige gegen den Facebook-Hetzer im August 2015 aufgab. Der Mann beleidige sie nicht nur persönlich, sondern verunglimpfe "all diejenigen, die in Auschwitz gewesen sind". Es sei eine Schande, dass jemand bei Facebook so etwas einfach schreiben dürfe.

porträt

KZ-Häftling Bejarano: Ich hatte großes Glück

1943 verschleppten die Nazis die Jüdin Esther Bejarano nach Auschwitz. Sie überlebte, weil sie im Orchester mitspielte. Heute lebt Bejarano in Hamburg und engagiert sich gegen Neonazis. mehr

In seinem Post hatte der Mann das Engagement der Friedensaktivistin als "die große Esther-Bejarano-Show" verspottet. Zudem stellte er sie verächtlich mit den Tätern auf eine Stufe: "Komischerweise werden überall in der Welt alte Menschen für 'Beihilfe zum Massenmord' angeklagt und verurteilt, weil sie mit dem Nazi-Regime kollaboriert hatten. Und nichts anderes hat diese Frau, die 'um ihr Leben gesungen' hat, getan". Bejarano, die das Konzentrationslager in Polen vermutlich nur überleben konnte, weil sie dort im sogenannten Mädchenorchester Akkordeon spielte, habe "andere mit einem lachenden Auge in den Tod gehen lassen", indem sie sich "freiwillig zur Bildung eines Lagerchors" gemeldet habe.

Facebook-Post entstand nach einem Konzert in Fulda

Der Mann hatte den Text am 18. April 2015 kurz nach einem Konzert der Auschwitz-Überlebenden in Fulda verfasst. Erst deutlich später hatte Bejarano von dem Post erfahren und eine Anzeige bei der Hamburger Staatsanwaltschaft eingereicht. Diese gab den Fall an das Amtsgericht in Fulda ab. Das ursprünglich von Bejaranos Anwalt angestrebte Verfahren wegen Verunglimpfung einer Person des politischen Lebens war nicht eröffnet worden. Denn der Beschuldigte hatte angegeben, den Post im nicht öffentlichen Teil seines Facebook-Profils publiziert zu haben.

Weitere Informationen
Multimedia-Doku

Die Befreiten von 1945

Stell dir vor, es ist Krieg - und dann ist er endlich vorbei. Fünf damals junge Norddeutsche: verfolgt, gehasst, ausgebombt. In der Web-Doku erzählen sie ihre Geschichte von 1945. mehr

Bejarano überlebte dank Orchester

Bejarano war 1943 von den Nationalsozialisten in das Vernichtungslager nach Auschwitz verschleppt worden. Dort spielte sie im sogenannten Mädchenorchester Akkordeon und Blockflöte. Das Orchester musste den Lagerleitern Privatkonzerte geben und spielte, wenn die Häftlinge zu ihren Arbeitseinsätzen ausrückten. Die Arbeit im Orchester ersparte den Musikern die schwere, tödliche Arbeit in den Außenlagern von Auschwitz. Seit Jahrzehnten kämpft die Überlebende Bejarano gegen Rechtsradikalismus: Sie geht in Schulen, demonstriert, schreibt und singt gegen Rassismus. Für ihr Engagement ist sie unter anderem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Weitere Informationen

Für das Leben lernen: Auschwitz und Ich

Auschwitz - für viele nur noch Geschichte. Ein Ort, an dem mindestens 1,1 Millionen Menschen umgebracht wurden. Welche Bedeutung hat Auschwitz für unsere Zukunft? mehr

Die rechte Szene in Norddeutschland - Was tun?

NSU, NPD, Pegida - wir haben die rechte Szene im Norden im Blick, analysieren Strukturen und geben Tipps, was Sie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tun können. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 09.02.2017 | 15:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:02 min

Hamburger setzen Zeichen für freie Wissenschaft

22.04.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:43 min

Verhindert Storchenhorst geplante Windräder?

22.04.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:23 min

Reederei Rickmers steht vor der Pleite

21.04.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal