Stand: 01.03.2016 20:33 Uhr

Uni-Modell soll Flächen für Flüchtlinge prüfen

Hier sollen die Vorschläge virtuell ausgetestet werden: Das City Scope besteht aus Modelltischen. Durch Auswechseln unterschiedlicher Datenblöcke kann die Anzahl der Plätze für unterzubringende Schutzsuchende an einzelnen Standorten erhöht oder reduziert werden.

Wie kann man Flüchtlinge gerechter auf die Stadtteile verteilen? Hamburgs rot-grüner Senat will die Suche nach Flächen für neue Unterkünfte auf wissenschaftlicher Basis fortsetzen. Die Hafencity-Universität (HCU) habe ein "Stadtmodell zur Flächenfindung für Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg" entwickelt, durch das anhand vorher festgelegter Parameter über jedes Grundstück sachlich diskutiert werden könne, erklärte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) am Dienstag.

Realitätscheck an der Uni

Ab Mitte April soll es offene Diskussionsveranstaltungen in der Universität geben, in denen mit Hilfe des Modells neue Standorte gemeinsam geplant werden können. Beim City-Science-Lab können die Teilnehmer auf zwei mal zwei Meter großen Tischen mit interaktiven Karten Flüchtlingsheime mit 300 bis 1.500 Plätzen nach Belieben auf Grundstücke stellen. Ein Zähler zeigt dabei stets an, wie viele Plätze dann in der Stadt insgesamt noch fehlen. Wo vorhanden, erhalten die Teilnehmer zudem zu jedem gewählten Areal Informationen, die eine Unterkunft an diesem Ort erschweren oder sogar ausschließen - etwa wenn das Grundstück kleiner als 1.000 Quadratmeter ist, in einem Naturschutzgebiet liegt oder die dortige Lärmbelastung zu hoch ist. Die Stadt will Termine der Workshops an der Uni später bekannt geben.

Privatgrundstücke bisher nicht eingearbeitet

Mit Blick auf die Volksinitiative, die Unterkünfte auf maximal 300 Flüchtlinge begrenzen will, sagte die Projektleiterin des City-Science-Lab, Gesa Ziemer, das werde wegen des verlangten Mindestabstands der Unterkünfte von einem Kilometer zueinander schwer. Nach ihren Angaben blickt das Lab zunächst nur auf öffentliche Flächen. Es wäre aber auch möglich, Privatgrundstücke einzubeziehen. Auch sei vorstellbar, später soziale Indikatoren wie die Versorgung des Gebiets mit Kitas, Schulen, Ärzten oder dem öffentlichen Nahverkehr zu beachten.

Scholz: "Schlaflose Nächte"

Bürgermeister Scholz sagte: "Fast 1,8 Millionen Hamburger haben ein gemeinsames Problem, und am besten lösen wir das gemeinsam." Er hoffe, dass der neue Beteiligungsprozess die Debatte um die Flüchtlingsunterbringung versachliche. Mit 40.000 Flüchtlingen plane Hamburg in diesem Jahr. "Wir müssen alle unterbringen, darüber gibt es keine Diskussion", sagte der Bürgermeister. "Davon habe ich, was selten vorkommt, schlaflose Nächte. Darum brauchen wir alle, die mitdenken darüber, wie das denn gehen soll."

FDP spricht von "Feigenblatt"

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Die Stadt selbst werde sämtliche notwendige Daten für das Projekt zur Verfügung stellen, versprach Scholz.

Die CDU-Opposition sieht in Scholz' Vorstoß ein Zeichen, dass der von der Volksinitiative aufgebaute Druck wirkt. Die Bürger an der Flächenfindung zu beteiligen sei zwar ein Zeichen der Dialogbereitschaft, sagte Fraktionschef André Trepoll. "Zugleich ist es aber auch ein Armutszeugnis, dass sich der Senat mit seinem riesigen Behördenapparat außerstande sieht, selbst vernünftige, stadtteilverträgliche Lösungen zu präsentieren." Aus FDP-Sicht hat Scholz "mit der Initiative keine wirkliche Einbindung der Bürger im Blick, sondern greift nach einem weiteren Feigenblatt für seine gescheiterte Flüchtlingspolitik". Die Linken dagegen halten das Projekt für durchaus geeignet, die Stadtgesellschaft an der Suche nach Flüchtlingsunterkünften zu beteiligen. Flüchtlingsexpertin Christiane Schneider bedauerte, dass das Projekt nicht schon vor einem halben Jahr auf den Weg gebracht worden sei.

Tjarks bringt "Schwarmintelligenz" ins Spiel

Grünen-Fraktionschef Anjes Tjarks erneuerte sein Versprechen, dass die Unterbringung so dezentral wie möglich umgesetzt werde. Mit dem Lab erhoffe er sich, die Schwarmintelligenz der Bevölkerung zu nutzen und so Flächen zu finden. "Gleichzeitig bietet das Lab auch ein sehr hohes Maß an Transparenz dessen, was in unserer Stadt umsetzbar ist und was nicht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 01.03.2016 | 15:00 Uhr