Stand: 08.01.2016 06:24 Uhr

Übergriffe auf dem Kiez: Jetzt schon 70 Anzeigen

Nach den sexuellen Übergriffen auf junge Frauen in der Silvesternacht sind nun schon 70 Anzeigen bei der Hamburger Polizei eingegangen. Die meisten Taten wurden an der Reeperbahn im Stadtteil St. Pauli registriert, drei wurden am Jungfernstieg in der Innenstadt angezeigt. In 23 Fällen wurden Frauen nach Polizeiangaben vom Donnerstag auch bestohlen, zudem sind zwei Fälle von Körperverletzung angezeigt worden. Unterdessen hat die Polizei die ersten Fälle an die Staatsanwaltschaft übergeben, wie NDR 90,3 berichtete. Dabei geht es um sieben junge Frauen, die in der Großen Freiheit massiv bedrängt und begrapscht wurden. Die Anklagebehörde entscheidet jetzt über die weiteren Maßnahmen. Einen konkreten Verdacht gegen namentlich bekannte Täter gebe es bislang aber nicht, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Wie das Hamburg Journal im NDR Fernsehen berichtete, kam es auch auf dem Hansaplatz in St. Georg zu Belästigungen von Frauen durch Männer.

Eine zehnköpfige Sonderkommission der Polizei ist nun im Einsatz, um die Vorfälle aufzuklären. In Zukunft will die Hamburger Polizei im Bereich St. Pauli noch mehr Präsenz zeigen - vor allem an den Wochenenden, wie Polizeipräsident Ralf Meyer sagte. Innensenator Michael Neumann (SPD) hatte im Gespräch mit NDR 90,3 angekündigt, die Reeperbahn werde künftig so sicher sein wie nie zuvor.

Mobile Videoüberwachung an Wochenenden

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Kommen die Videokameras an der Reeperbahn bald wieder zum Einsatz?

Die Polizei will an Wochenenden anlassbezogen eine mobile Videoüberwachung einsetzen. Es gibt ferner Überlegungen, dass die stationären Videokameras im Bereich der Reeperbahn zumindest zeitweise wieder eingeschaltet werden. Auf dem Kiez sind noch zwölf Videokameras installiert, aber nicht in Betrieb. Die Hamburger Polizei hatte 2011 entschieden, die Kameras nach Klagen von Anwohnern abzuschalten.

Männergruppen bedrängten junge Frauen

Die Augenzeugenberichte aus der Silvesternacht klingen dramatisch: In der Großen Freiheit wurden im Gedränge zumeist junge Frauen umzingelt, sexuell bedrängt und beklaut - so geht es aus den Anzeigen hervor. Die Täter - jeweils Gruppen von fünf bis 20 Männern - wurden von den Frauen als "südländisch, nordafrikanisch, arabisch" beschrieben. Laut Polizei ist weiter unklar, ob eine oder mehrere Tätergruppen für die sexuellen Übergriffe verantwortlich sind. Bislang sind rund 90 Hinweise eingegangen, die jetzt überprüft werden. Aus dem Einsatzprotokoll der Davidwache, das NDR 90,3 und dem Hamburg Journal vorliegt, geht hervor, dass bereits in der Silvesternacht diverse Anzeigen wegen sexueller Belästigung eingingen. Die Vorfälle waren - ähnlich wie in Köln - aber erst Tage später bekannt geworden.

Polizei sucht weitere Zeugen

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Nach den Übergriffen an der Großen Freiheit gibt es bereits 70 Anzeigen.

Die neue Sonderkommission der Polizei gleicht nun Zeugenaussagen ab und sichtet Fotos, um Tatverdächtige zu ermitteln. Zeugen werden weiterhin gebeten, sich unter der Telefonnummer 040 / 42 86 56 789 zu melden und den Ermittlern gegebenenfalls Handyfotos oder Videos zur Verfügung zu stellen. Die Polizei spricht von einem neuen Phänomen. Der Vorwurf, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handele, sei jedoch nicht bewiesen. Nun sollen diese Vorfälle in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln untersucht werden. Dort gab es in der Silvesternacht ebenfalls viele Übergriffe auf junge Frauen. Die Hamburger Polizei geht derzeit nicht von Verbindungen zu den Tätern von Köln aus. Dafür gebe es keine Anhaltspunkte, sagte ein Polizeisprecher.

Tourismus: Besorgnis, aber keine Stornierungen

Selbst große, internationale Fernsehstationen wie CNN hatten über die Übergriffe berichtet. Trotzdem hält es die Touristen offenbar nicht davon ab, nach Hamburg zu kommen. Bislang gab es jedenfalls keine Stornierungen von Hotelzimmern, wie der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA meldete. Die Hamburg Tourismus GmbH berichtet zwar von einzelnen besorgten Touristen, die sich über die Sicherheitslage in Hamburg erkundigten. Aber das seien nur sehr wenige, sagte Sprecher Sascha Albertsen NDR 90,3.

Scholz: "Täter müssen mit Abschiebung rechnen"

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nannte die Übergriffe im Gespräch mit NDR 90,3 "schlimm, unmoralisch und durch nichts zu rechtfertigen". Die Täter müssten mit der ganzen Härte des Gesetzes rechnen. "Wer als Ausländer Straftaten begeht, muss damit rechnen, dass er abgeschoben wird." Zuvor hatte Scholz die Geschehnisse auf dem Kiez auf seiner Facebook-Seite eine "Schande" genannt.

Neumann: "Einsatzkonzeption der Polizei kritisch betrachten"

Innensenator Neumann sagte im Interview mit NDR 90,3, dass in der Silvesternacht zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei im Einsatz gewesen seien. Trotzdem habe er den Auftrag gegeben, "die Einsatzkonzeption der Hamburger Polizei kritisch zu betrachten." Bisher gebe es keinen Hinweis darauf, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handelt. SPD-Fraktionschef Andreas Dressel mahnte bei NDR Info saubere Ermittlungsarbeit an, warnte jedoch auch vor Vorverurteilungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 08.01.2016 | 06:00 Uhr