Stand: 05.01.2016 19:56 Uhr

Übergriffe an Silvester auch auf der Reeperbahn

Die Zahl der Anzeigen von Frauen, die auf dem Hamburger Kiez in der Silvesternacht sexuell belästigt oder bestohlen worden sein sollen, steigt. Wie die Polizei am Dienstagabend mitteilte, haben bislang 27 Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren Anzeige erstattet. Bei zehn dieser Fälle geht es demnach um sexuelle Belästigung. Den übrigen 17 Opfern wurden darüber hinaus nach eigenen Angaben auch das Handy, Geld und Ausweise abgenommen. Bislang hat die Polizei etwa 50 Hinweise bekommen, die nun ausgewertet werden.

"Sie kesselten uns ein"

"Es war heftig", sagte eine 25-jährige Hamburgerin über ihre Erlebnisse am frühen Neujahrsmorgen. Sie sei mit zwei Freundinnen und zwei Freunden im Gedränge auf der Großen Freiheit gewesen. "Wir kamen nicht mehr raus, weil die Straße abgesperrt war. Die Männer kamen plötzlich aus allen Richtungen, kesselten uns ein und fassten uns aggressiv in den Schritt und an den Po." Gestohlen worden sei ihr nichts, "die wollten uns nicht an die Taschen, sondern nur grapschen." Etwa eine Dreiviertelstunde lang hätten sich die Übergriffe wiederholt, erst dann habe sie es geschafft, das Gedränge zu verlassen. Die anwesenden Polizisten seien angesichts der Menschenmassen machtlos gewesen.

Beamte hoffen auf Fotos

Ihre Beobachtungen decken sich mit den bisherigen Erkenntnissen der Beamten, wonach die Täter "südländisch oder arabisch" ausgesehen haben und zwischen 20 und 40 Jahren alt gewesen sind. "Die haben alle kein Deutsch gesprochen", sagte die 25-Jährige. Die Beamten suchen weitere Zeugen, die insbesondere im Bereich des Beatles-Platzes/Große Freiheit im Zeitraum von etwa 0.30 bis 2 Uhr Fotos von den Taten oder von Männergruppen aufgenommen haben. Wer Beobachtungen oder sogar Bilder gemacht hat, sollte sich unter der Telefonnummer 040 - 42 86 56 789 melden.

Zu den Tätern liegen bislang nur ungenaue Beschreibungen vor, wie NDR 90,3 berichtete. Mal ist von einer fünf- bis sechsköpfigen Gruppe die Rede, mal von 15 bis 20 jungen Männern. Von regelrechten Jagdszenen auf junge Frauen wie in Köln war der Hamburger Polizei bislang nichts bekannt. Trotzdem sei die Art des Vorgehens für Hamburg neu. "Dieses Phänomen so komprimiert haben wir noch nie festgestellt", sagte Polizeisprecher Holger Vehren.

Politiker fordern Konsequenzen

  • CDU will Aufenthaltsrecht verschärfen

    Die CDU in der Hamburgischen Bürgerschaft fordert nun ein hartes Vorgehen gegen die Täter. "Gegenüber solch widerlichen Straftaten darf es keinerlei Toleranz geben, unabhängig davon, wer sie begeht", erklärte der innenpolitische Sprecher Dennis Gladiator am Dienstag. Sollte es sich bestätigen, dass es sich bei den Tätern um Ausländer handele, müsse das Aufenthaltsrecht verschärft werden. Die Christdemokraten fordern, dass Flüchtlinge bei jeglicher Verurteilung zu einer Geld- oder Freiheitsstrafe abgeschoben werden können und nicht erst ab einer Strafe von drei Jahren.

  • SPD warnt vor Fremdenfeindlichkeit

    "Die Ereignisse in Köln und Hamburg dürfen nicht für Fremdenfeindlichkeit missbraucht werden", warnte hingegen Innensenator Michael Neumann. "Klar ist aber: Wer in Deutschland Zuflucht sucht, muss unsere Gesetze achten", fügte er hinzu. Straftäter würden von der Polizei konsequent zur Verantwortung gezogen. Auch der innenpolitische Sprecher der SPD, Arno Münster, versicherte: "Unsere Polizei reagiert stets konsequent und lageangepasst." Die Vorkommnisse müssten ebenso zügig wie sorgfältig aufgeklärt werden.

  • FDP fordert Stärkung von Polizei und Justiz

    Der FDP-Innenpolitiker Carl Jarchow forderte den Senat auf, die Polizei und die Justiz zu stärken, um die innere Sicherheit zu gewährleisten. "Rot-Grün darf hier nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und die Problematik herunterspielen", sagte Jarchow. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki sagte, die Vorgänge zeigten erschreckenderweise, dass es auch gegenüber Migranten nicht mehr darum gehen könne, Verständnis für deren Situation aufzubringen. Es gehe vielmehr "nur noch darum, dem Rechtsstaat den nötigen Respekt zu verschaffen."

  • Grüne ermutigen Opfer

    Antje Möller von der Grünen-Fraktion rief mögliche weitere Opfer auf, sich bei der Polizei zu melden und Anzeige zu erstatten. Das könne die Identifizierung der Tatverdächtigen erleichtern. Der Innenausschuss der Bürgerschaft werde sich am 14. Januar mit den Vorfällen beschäftigen.

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Inzwischen 90 Anzeigen in Köln

In Köln sollen an Silvester Hunderte Männer auf dem Bahnhofsvorplatz Frauen sexuell belästigt und bestohlen haben. Dort liegen inzwischen 90 Anzeigen vor. Laut Polizei sollen viele der Tatverdächtigen offenbar aus Nordafrika und dem arabischen Raum stammen. Die Regierung in Köln zieht nun erste Konsequenzen. Bei einem Krisentreffen mit Sicherheitsbehörden wurden mehrere Maßnahmen für Großveranstaltungen in der Stadt beschlossen, etwa den Einsatz von Übersetzern und eine verstärkte Video-Überwachung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 05.01.2016 | 19:00 Uhr