Stand: 01.12.2015 17:17 Uhr

"Traurige Gefasstheit" beim "Spiegel"

von Daniel Bouhs & Annette Leiterer
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Hoffentlich kein schlechts Omen: dunkle Wolken über dem "Spiegel"-Verlagsgebäude.

Vor Jahrzehnten hat der "Spiegel" sein Betriebs-Schwimmbad dicht gemacht, vor einigen Jahren den Servierservice für die Redaktionsstuben eingestellt, zuletzt Mitarbeiter von der ersten in die zweite Bahn-Klasse verwiesen.

Doch jetzt, wo am Luxus nicht mehr gespart werden kann und gleichzeitig das Geschäft immer schlechter läuft, herrscht auch beim Hamburger Nachrichtenmagazin echte Krisenstimmung. Die "Agenda 2018" soll nun das Überleben der Investigation sichern – für Redaktion und Verlag ein regelrecht schizophrenes Modell: Der „Spiegel“ will sparen und zugleich wachsen.

Klaus Brinkbäumer (li.), Thomas Hass und Florian Harms vom "Spiegel". © dpa Fotograf: Sebastian Widmann

"Spiegel"-Chefs erklären ihre "Agenda 2018"

ZAPP

Im Interview mit ZAPP erläutern Klaus Brinkbäumer, Thomas Hass, und Florian Harms ihre Pläne.

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Geschäftsführer Thomas Hass spricht von einer "traurigen Gefasstheit“: 15 Millionen Euro will er mit seinen Kollegen einsparen - nicht zuletzt beim Personal. Alle Bereiche sollen schrumpfen, die Gespräche mit dem Betriebsrat laufen: Von den 727 Vollzeitstellen, die der Verlag jüngst noch hatte, sollen bis 2018 nur 578 übrig bleiben - ein Minus vor allem beim Verlag, also etwa Vertrieb und Verwaltung (-100 Stellen), aber auch in der Redaktion (-35 Stellen).

Betriebsbedingte Kündigungen beim "Spiegel"?

Auch die weltweit einmalige ‚Spiegel‘-Dokumentation, die das Magazin vor dem Andruck penibel auf Fehler checkt, soll kleiner werden (-14). Damit die Qualität nicht leidet, sollen sich Redakteure künftig selbst durchs Archiv kämpfen - der ständige Dossier-Service fällt weg und damit ein großer Luxus für die Journalisten.

Klappen soll das alles, indem freiwerdende Stellen nicht nachbesetzt werden und - wer will - vorzeitig in den Ruhestand geht. Allein: Das wird bei Weitem nicht reichen. Die Geschäftsleitung verhandelt mit Betriebsrat „Solidarmodelle“ und ein „Freiwilliges Transfer-Modell“, schließt zugleich aber betriebsbedingte Kündigungen nicht endgültig aus, sondern erst mal nur bis Ende Mai 2016.

Angeblich kein Widerstand im Haus

"Jeder hat verstanden, dass an Einsparungen kein Weg vorbei führt", sagt Geschäftsführer Hass. Widerstand mache sich daher nicht breit. Die Vorschläge zu den Kürzungen haben dann auch Arbeitsgruppen aus allen Bereichen erarbeitet - so wie auch das Wachstumskonzept: Nach der "Zeit", die etwa Seiten für Hamburg oder Ostdeutschland hat, probiert sich das "Spiegel"-Magazin mit eigenen Regionalseiten in Nordrhein-Westfalen. Dazu will der Verlag seine digitale internationale Ausgabe auf Englisch ausbauen. Der "Spiegel" fährt mit ihr Verluste ein und will von den Lesern - man denkt an Diplomaten und Konzern-Lenker aus der ganzen Welt - fortan Geld verlangen.

Frontalangriff auf Tageszeitungen

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Ist nach wie vor optimistisch: Chefredakteur Klaus Brinkbäumer.

Allen Kürzungen zum Trotz verspricht Chefredakteur Brinkbäumer: "Wir werden das 'Spiegel'-Magazin so stark wie irgend möglich halten, 'Spiegel Online' aber selbstverständlich nicht schwächen, sondern ausbauen." Auf "Spiegel Online" will der Verlag ein Bezahlmodell etablieren - im Laufe des nächsten Jahres und in ausgewählten Bereichen.

Mit dem Digital-Produkt "Spiegel Daily" (Arbeitstitel), das kostenpflichtig sein wird, will "Spiegel Online" zudem Tageszeitungen so frontal wie nie angreifen. "Spiegel Online"-Chefredakteur Florian Harms sagt: "Wir richten uns damit an Menschen, die nicht die Zeit haben, den ganzen Tag über am Nachrichtenstrom zu hängen, sondern die ein Mal am Tag das Wichtigste erklärt haben möchten."

"Wir schaffen das aus eigener Kraft"

Der Erfolgsdruck auf den "Spiegel" ist enorm. "Wir haben nicht mehr so wahnsinnig viel Zeit, Dinge richtig zu machen - und sind hoffentlich dabei, ein Haus der Innovationen zu werden", sagt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Dem Traditionsverlag steht dafür offensichtlich nicht weniger als ein Radikalumbau bevor. Brinkbäumer zeigt sich sicher: "Wir haben nicht McKinsey durchs Haus gejagt. Wir schaffen das aus eigener Kraft."

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