Stand: 03.10.2013 15:59 Uhr

Tag der offenen Moschee in einer Kirche

von Anne Arend

Daniel Abdin schüttelt Hände, hört zu, erklärt. Seine Stimme ist schon ganz heiser. Seit Stunden beantwortet der Vorsitzende der Al-Nour-Gemeinde die Fragen seiner Gäste. Viele sind am Tag der offenen Moschee in die Sievekingallee nach Horn gekommen, um mehr zu erfahren über den Umbau der ehemaligen Kapernaum-Kirche. "Dort vor die dunklen Wände kommen helle Rigips-Platten und Reliefs mit orientalischer Kalligraphie". Abdin zeigt auf die Ostseite, Richtung Mekka. Noch ist die Kirche nach Norden ausgerichtet.

Eine Kirche wird Moschee

Vor knapp einem Jahr hat seine Gemeinde die Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn gekauft. Als die Pläne für den Umbau in eine Moschee bekannt wurden, gab es einen Aufschrei unter den Kirchenvertretern. Der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sprach von einem "Missgeschick". Dabei steht das Gebäude seit Langem leer: Vor mehr als zehn Jahren wurde die Kirche entwidmet, dann übernahm sie ein Hamburger Investor. Er wollte darin eine Kita gründen, doch die Idee scheiterte. Kapernaum stand wieder zum Verkauf. "Ich war selbst überrascht, als bei Immobilienscout eine Kirche angeboten wurde", wundert sich Daniel Abdin noch immer. Bei der Suche nach einem geeigneten Ort für die stark gewachsene Al-Nour-Gemeinde wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, eine Kirche zu kaufen.

Es fehlen noch die letzten Baugenehmigungen

Eigentlich war schon für den 3. Oktober, den Tag der offenen Moschee, die große Einweihungsfeier geplant. Doch es fehlen die letzten Baugenehmigungen. Das sei ganz normal, sagt der Al-Nour-Vorsitzende. Er habe sich mit dem Termin zu weit aus dem Fenster gelehnt. Immerhin hat er nun die mündliche Zusage, dass sie bald loslegen können. Und nächstes Jahr dann werde die Gemeinde sicher umziehen, sagt Daniel Abdin.

Gebete in der Tiefgarage

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Die bisherige Moschee in einer ehemaligen Tiefgarage entspricht eher einer Notunterkunft als einem Gotteshaus.

Bislang trifft sich die Al-Nour-Gemeinde in St. Georg, schon seit 20 Jahren. Ihre Moschee: eine ehemalige Tiefgarage, niedrige Decken, die Luft ist stickig. Gleich neben dem Eingang stehen Müllcontainer. Bis zu 600 Muslime aus 30 Nationen kommen regelmäßig zum Freitagsgebet unter die Erde. Es ist kein würdiger Ort zum Beten und auch nicht, um Besucher zu empfangen: "Die Gesellschaft erwartet von uns Muslimen Transparenz. Aber wie sollen wir uns öffnen, wenn wir abgeschottet in einer Garage sitzen?", fragt Daniel Abdin, "Die neue Moschee in Horn wird unser Selbstbewusstsein stärken, vor allem das der jungen Leute in der Gemeinde." Dass alle aus St. Georg mit raus nach Horn kommen, bezweifelt er allerdings. Viele werden wohl auch auf die zentraler gelegenen Moscheen der Stadt ausweichen.

Neue Moschee soll allen offenstehen

Ende September. Daniel Abdin steht im halbdunklen Kirchenschiff und schaut sich Bauzeichnungen an. Zwei junge Männer aus der Horner Nachbarschaft schauen durch die Tür, betreten dann fast ehrfürchtig die Kapernaum-Kirche. Einer der beiden, Vincent, wurde hier getauft: "Ich habe nichts gegen den Islam, im Gegenteil. Aber ich bin eben Christ und für mich bleibt es schon ein komisches Gefühl, dass hier aus einer Kirche eine Moschee entsteht. Es ist dieses Thema, dass das Christentum durch den Islam ersetzt wird." Abdin geht auf den 21-Jährigen zu: "Ich verspreche dir, wenn wir die Moschee eröffnet haben, kannst du jederzeit vorbeikommen und meinetwegen auch deine christlichen Gebete bei uns sprechen." Seine Gemeinde, so sagt er, vertrete einen gemäßigten "Mainstream-Islam". Sie wollen den Menschen in den Fokus stellen, nicht eine politische oder religiöse Überzeugung.

Umwidmung wäre nach heutigen Regeln verboten

Nach den aktuellen Regeln der Nordkirche ist die Umwidmung in eine Moschee untersagt. Auch wenn die Kirche nicht mehr als solche genutzt werde, bleibe doch eine gewisse Symbolik, sagt Mathias Benckert, Sprecher der Kirchen im Norden. Und diese Symbolik solle nicht durch eine andere nicht-christliche Symbolik ersetzt werden. Was noch dahintersteckt, wird in einer Handreichung der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) von 2006 deutlich. Darin heißt es, ein solcher Schritt werde "oftmals von vielen Christen nicht nur als persönlicher Verlust empfunden, sondern kann darüber hinaus auch zu Irritationen in der öffentlichen Wahrnehmung führen." Doch auch innerhalb der Kirche ist dieser Text umstritten.

Die Kapernaum-Kirche

Die Kapernaum-Kirche, benannt nach einem Ort am See Genezareth, wurde von 1958 bis 1961 nach Plänen des Hamburger Architekten Otto Kindt (1909-2006) gebaut. Die Wände von Turm und Kirchenschiff bestehen aus rautenförmigen Betonelementen mit klassischen Ziegelsteinen. Beide Gebäudeteile sind durch einen niedrigen Bau miteinander verbunden. Von Kindt stammen auch die Dänische Seemannskirche und die U-Bahnstation Messehallen.

Für die 2002 entwidmete Kapernaum-Kirche galt das alles noch nicht. Und Daniel Abdin spricht auch lieber von einer "Win-win-Situation" als von einem Verlust. Schließlich bleibe das Gotteshaus ein Gotteshaus. Und "wir tragen dazu bei, dass die wunderschöne Architektur der Kirche erhalten bleibt." Denn äußerlich wird das Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, kaum verändert. Sicher, das Kreuz auf dem 44 Meter hohen Turm werde durch einen Halbmond ersetzt. Aber ein Minarett sei nicht vorgesehen. "Außen Kirche, innen Moschee", so fasst Abdin das Projekt zusammen.

"Inschallah, beim nächsten Ramadan sind wir hier"

Burhan Özdemir hört aufmerksam zu. Er hat gesehen, dass jemand in der Kirche ist. "Salam Aleikum", er reicht Daniel Abdin die Hand. Wann es endlich losgehe mit dem Umbau, will er wissen. Burhan Özdemir ist Muslim und wohnt mit seinen Kindern gleich um die Ecke. "In wenigen Wochen haben wir die Genehmigungen, der Umbau dauert dann etwa sechs Monate", schon wieder lässt sich Daniel Abdin auf einen Zeitplan ein. Er würde am liebsten gleich anfangen. Die Gemeinde sitze in den Startlöchern. "Beim nächsten Ramadan sind wir hier. Inschallah. So Gott will."