Stand: 18.05.2015 22:00 Uhr

St. Pauli: Friede, Freude, "Esso-Häuser"

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Bernhard Taubenberger, Andy Grote, Bodo Hafke und Mitglieder der Planbude (von rechts) stellten die Pläne für das "Esso-Häuser"-Areal vor.

Nach dem von Protesten begleiteten Abriss der "Esso-Häuser" im Hamburger Stadtteil St. Pauli geht der Blick jetzt nach vorn. Am Montagnachmittag haben Vertreter vom Bezirk, der Grundstücks-Eigentümerin Bayerische Hausbau und vom Team der PlanBude ein gemeinsames Konzept zur zukünftigen Bebauung des Areals am Spielbudenplatz vorgestellt. Alle Beteiligten zeigten sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Das im Auftrag des Bezirks über sechs Monate durchgeführte und bisher einzigartige Beteiligungsverfahren sei mit über 2.000 Beiträgen von Bürgern außerordentlich erfolgreich gewesen und habe die Aufgabenstellung für den jetzt beginnenden Architektenwettbewerb maßgeblich geprägt. "Das Wagnis hat sich gelohnt", sagte der Leiter des Bezirksamtes Mitte, Andy Grote (SPD), im St. Pauli Museum. "Bei allem Optimismus hätte auch ich nicht so viel erwartet." Grote sprach von einem großen gemeinsamen Erfolg im Sinne des Stadtteils. Die Ideen der Kiez-Bewohner waren in der PlanBude am Spielbudenplatz gesammelt, archiviert und anschließend ausgewertet worden.

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Die Pläne wurden am Montagabend auch im Wirtschaftsgymasium St. Pauli öffentlich vorgestellt und erhielten viel Zustimmung von den etwa 200 Zuhörern. Spätestens als sogar Bernhard Taubenberger, Geschäftsführer der Bayerischen Hausbau, Applaus bekam, war klar, dass sich der Konflikt um die "Esso-Häuser" entschärft hat.

60 Prozent geförderter Wohnraum

Die Neubebauung soll vor allem dem großen Bedarf an günstigem Wohnraum auf St. Pauli Rechnung tragen: Knapp 60 Prozent der Wohnnutzung sollen öffentlich gefördert werden. 38,5 Prozent werden Sozialwohnungen (5.700 Quadratmeter). Das entspricht der Wohnfläche der alten "Esso-Häuser". Weitere 20 Prozent sind für öffentlich förderfähige Baugemeinschaften und Genossenschaften vorgesehen.

Keine Eigentumswohnungen geplant

Die verbleibenden gut 40 Prozent des Wohnungsbaus sollen frei finanzierte Mietwohnungen werden. Eigentumswohnungen sind nicht geplant. Insgesamt sollen auf 14.800 Quadratmetern Wohnungen realisiert werden. Das ist etwa das Zweieinhalbfache des alten Gebäude-Ensembles. Je nach Wohnungsgrößen könnten 200 bis 250 Wohnungen entstehen. Alle alten Bewohner der "Esso-Häuser", die Interesse haben, dürfen zurückkehren - laut Taubenberger sind es derzeit rund 40.

Platz für Clubs, Gastronomie und Panoptikum-Erweiterung

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Noch liegt das Grundstück der ehemaligen "Esso-Häuser" brach, ab Mitte 2017 könnte der Neubau starten.

Den gewerblichen Teil der Bebauung (11.350 Quadratmeter) sollen sich "St.-Pauli-typisches kleinteiliges Gewerbe" wie Clubs, Gastronomie und eine Erweiterung des Panoptikums (insgesamt 3.750 Quadratmeter), Nahversorgung wie Super- oder Drogeriemärkte (1.600 Quadratmeter) sowie ein Hotel (6.000 Quadratmeter) teilen. Auch einen 24-Stunden-Shop wird es geben - als Ersatz für die Esso-Tankstelle, die ein beliebter Anlaufpunkt für Nachtschwärmer und Treffpunkt für Anwohner war. Ketten sollen sich nicht ansiedeln, es wird Wert auf individuelle Betreiber gelegt - auch beim Hotel. Im Bereich Taubenstraße/Kastanienallee soll ein Quartiersplatz entstehen. Auch einige Dächer sollen öffentlich nutzbar sein. Baudezernent Bodo Hafke betonte, dass nicht ein einziger großer Baublock entstehen soll, sondern verschiedene Bauhöhen möglich sind. "Der Neubau soll ein lebendiges und veränderbares Bild ergeben", so Hafke.

Auch Räume für Molotow und Museum vorgesehen

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In der PlanBude am Spielbudenplatz wurden die Ideen der Kiez-Bewohner für das "Esso-Häuser"-Areal gesammelt.

Zusätzlich soll das neue Gebäude Raum bieten für stadtteilbezogene und kreative Nutzungen (2.530 Quadratmeter). Hierzu gehören das Innovationskonzept "FabLab", eine Stadtteilkantine, Subkulturräume und Flächen für "kiezspezifische Sozialversorgung". Auch das Rock'n'Roll-Hotel "Kogge", das jetzt in der Bernhard-Nocht-Straße beheimatet ist, und das St. Pauli Museum sollen in die neuen "Esso-Häuser" einziehen. Hinzu kommen Räume für den Musikclub Molotow, der seit September 2014 ein Exil am Nobistor gefunden hat und ein Rückkehrrecht besitzt. Der legendäre Musikclub soll in einem zweistöckigen Untergeschoss am Spielbudenplatz untergebracht werden. Die Bedürfnisse des Molotows sollen in die Planungen einbezogen werden. Im Untergeschoss (2.000 Quadratmeter) soll es zudem einen Saal als variable Spielstätte für Livemusik, Theater oder Kino geben. Zudem soll eine Tiefgarage unter den Wohnungen entstehen.

Grote: "Es ist etwas Großes gelungen"

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Insgesamt seien nahezu alle wesentlichen Ergebnisse aus dem Beteiligungsverfahren in das Bebauungskonzept eingeflossen, freute sich Grote. "Nach dem intensiven Konflikt um den Erhalt der 'Esso-Häuser' bietet dieses gemeinsam erarbeitete Konzept eine gute Grundlage für eine breit akzeptierte, stadtteilverträgliche Lösung. Damit ist etwas Großes gelungen. Wir haben die Weichen gestellt für ein echtes neues Stück St. Pauli." Es könne zum ersten Mal im Stadtteil gelingen, mit einem Neubau nicht zur Verdrängung von Altem beizutragen - "sondern im Gegenteil ihr entgegenzuwirken und Raum für diejenigen zu schaffen, die ihn andernorts im Stadtteil nicht mehr finden oder verlieren". Mit dem PlanBuden-Prozess habe man eine neue Qualität in der partizipativen Stadtteilentwicklung erreicht. "Ich habe Respekt vor der Leistung sowohl des Teams der PlanBude als auch der Bayerischen Hausbau, ohne die dieser unerwartet große Erfolg nicht denkbar gewesen wäre", so Grote.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 18.05.2015 | 22:00 Uhr

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