Stand: 06.04.2014 12:04 Uhr  | Archiv

"Sie haben Waffen - ich habe meine Tastatur"

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Bei einer Messerattacke wurde Mohiuddin lebensgefährlich verletzt - noch heute plagen ihn Schmerzen.

Er kämpft für Meinungsfreiheit, die Rechte von Minderheiten und gegen islamistischen Fundamentalismus in seiner Heimat Bangladesch - und wurde dafür fast umgebracht. Trotzdem will der Blogger Asif Mohiuddin sein Hamburger Exil bei der Stiftung für politisch Verfolgte bald wieder verlassen. NDR.de sprach mit ihm über seine Ängste und darüber, warum Aufgeben keine Option ist.

NDR.de: Sie wurden wegen Blasphemie und Rufschädigung der Regierung in Untersuchungshaft genommen. 2013 stachen islamistische Extremisten Sie nieder und verletzten Sie lebensgefährlich. Haben Sie nie daran gedacht, das Bloggen aufzugeben?

Asif Mohiuddin: Nein, niemals. Nur in der Untersuchungshaft wurde ich so massiv von Mitinsassen bedroht, dass ich dachte, es sei vorbei. Sie hatten Nägel und riefen in Chören - ich war mir sicher: Sie werden mich töten. Aber nachdem ich lebend wieder rausgekommen bin, fühlte ich mich noch stärker. Sie haben die Macht der Waffen, aber ich habe die Macht meiner Computertastatur.

NDR.de: Was ist so wichtig, dass Sie Ihr Leben dafür riskieren?

Mohiuddin: Ich habe diesen Traum von einem neuen Bangladesch mit Säkularismus und in dem die Menschenrechte auch für Frauen, Lesben und Schwule gelten. Ich will ein Bangladesch, in dem jeder gleich vor dem Gesetz ist und die Schere zwischen Arm und Reich kleiner. Aber bei diesem Kampf bin ich nicht alleine. Ich habe einen starken Kreis von Menschen um mich, die kritisch denken und ebenfalls bedroht wurden. Wir haben Hoffnung, dass dieser Traum eines Tages wahr werden könnte, denn ein Teil der jungen heranwachsenden Generation lässt sich nicht einschüchtern und hinterfragt die Regierung und das System. Sie haben einen größeren Horizont.

NDR.de: Welche Rolle spielt dabei das Internet?

Mohiuddin: Das Internet ist eine unserer mächtigsten Waffen. Vor zehn Jahren hätten wir noch gar keine Plattform gehabt, um etwas gegen die Regierung, gegen unser Gesellschaftssystem zu sagen - aber das hat sich geändert. Wie groß die Angst der Regierung vor der Macht des Internets ist, zeigt, dass sie Google, Facebook und Youtube verboten haben. Und sie haben in den vergangenen zwei Jahren ein Gesetz erlassen, das uns Bloggern Kommentare gegen politische oder religiöse Führer verbietet. Bei Missachtung drohen bis zu zehn Jahre Haft. Das größte Problem: Die Polizei hat die Hoheitsrechte und darf auch ohne jeglichen Verdacht jemanden verhaften.

NDR.de: In Ihren Artikeln kritisieren Sie immer wieder die Macht der Religionsführer in Bangladesch und fordern das Recht des Individuums, keiner Religion anzugehören. Wie ist das Leben in Bangladesch für einen Atheisten?

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"Willkommen in Hamburg": In seinem Jahr an der Elbe will der Blogger aus Bangladesch Kraft schöpfen.

Mohiuddin: Das größte Problem ist das Bildungssystem in Bangladesch. Die Madrasas, islamische Schulen, sind weit verbreitet. Für mich sind sie der Ursprung eines islamistischen Extremismus. Sie werden privat finanziert und verfügen dementsprechend über gute Mittel. Vor allem arme Familien schicken ihre Kinder auf diese Schulen. Hier werden sie streng religiös erzogen: Alle Mädchen müssen eine Burka tragen. Ihnen wird eingetrichtert, dass Frauen, die keine Burka tragen, zu verachten und minderwertig sind. In diesen Madrasas werden über vier Millionen Schüler in Bangladesch ausgebildet und in ihrer Meinung beeinflusst. Sie werden eine gefügige Gruppe für die religiösen Führer und stärken ihre Macht. So konnten in den vergangenen Jahren Gesetzesinitiativen zum Beispiel zur Gleichstellung von Söhnen und Töchtern verhindert werden.

NDR.de: Ihr Name wird auf einer Liste der Regierung geführt, die "Feinde des Islams" identifizieren soll. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Mohiuddin: Eigentlich dachte ich, ich habe das im Griff, doch zuletzt war es unerträglich. Ich habe meine Wohnung kaum noch verlassen und bin wenn nur maskiert auf die Straße gegangen, weil Islamisten mein Foto im ganzen Land veröffentlicht haben. Ich habe schlecht geschlafen und meine Familie hat sich große Sorgen gemacht. Umso dankbarer bin ich, jetzt hier bei der Stiftung zu sein.

NDR.de: Was erhoffen Sie sich von der Zeit in Hamburg?

Mohiuddin: Hamburg ist so eine schöne Stadt. Und im Vergleich zu Dhaka gibt es so wenig Menschen - es ist so ruhig. Ich möchte Kraft schöpfen und viel lesen. Ich lerne Französisch und bin sehr an französischer Poesie interessiert. Außerdem möchte ich in dieser Zeit die deutschen Philosophen kennen lernen: Nietzsche, Kant und natürlich Marx. In einem Jahr gehe ich dann gestärkt für den Kampf für Meinungsfreiheit zurück nach Bangladesch. Aufgeben ist für mich keine Option.

Das Gespräch führte Judith Pape, NDR.de.