Stand: 08.01.2016 17:18 Uhr

"Sea-Watch 2": Länger retten mit größerem Schiff

von Daniel Sprenger, NDR.de

"Hier entsteht die Krankenstation", sagt Michael Schwickart und führt in einen Raum, in dem sich zurzeit noch Tische an der Außenbordwand entlangziehen, in die diverse Stromanschlüsse eingelassen sind. Auf dem früheren Forschungsschiff "Clupea" haben hier offenbar die Wissenschaftler mit ihren Laptops gearbeitet. Jetzt wird das 33 Meter lange Schiff auf der Pella Sietas Werft in Hamburg-Neuenfelde für den Rettungseinsatz im Mittelmeer umgebaut. Am Freitag hat die private Flüchtlingshilfsinitiative "Sea-Watch", die 2015 mit einem anderen, kleineren Rettungsschiff vor der libyschen Küste auf der Suche nach Flüchtlingsbooten war, die geplanten Arbeiten vorgestellt. Das "Sea-Watch"-Team hofft, dass der Umbau seines neuen Schiffs Ende Februar abgeschlossen ist, sodass es im März ins Mittelmeer überführt werden kann. Im April könnte dann die erste Rettungsmission starten.

Die "Sea-Watch 2" - größer und robuster

"Wir hatten ein Boot, jetzt haben wir ein Schiff"

Schwickart führt durch Gänge, die schon niedrig sind, und zu Türen führen, bei deren Durchqueren sich normal gewachsene Menschen noch tiefer ducken müssen. Der Blick fällt in Kajüten mit einer oder zwei Kojen für die elf Crewleute. "Wer zu lang dafür ist, muss halt seine Beine anziehen", sagt Schwickart lapidar. Über Treppen mit so kleinen Stufen, dass man nur die Zehenspitzen darauf setzen kann, geht es an Deck. Trotz des beengt wirkenden Innenlebens sagt der Aktivist voller Stolz: "Bisher hatten wir ein Boot, jetzt haben wir ein richtiges Schiff."

Die "Sea-Watch 1" ist deutlich kleiner, hat dem Wellengang im Mittelmeer oft nichts entgegenzusetzen. Mit ihr wurden nach Angaben des Vereins 2015 mehr als 2.000 Menschen gerettet. Sie dient künftig als Back-up und wird durch das neue Schiff ersetzt. "Wir mussten bei schlechtem Wetter öfter in den Hafen. Mit der 'Sea-Watch 2' haben wir deutlich mehr Spielraum", sagt Skipper Ingo Werth. "Damit können wir länger draußen bleiben, länger Leben retten." Um die navigationsuntüchtigen, völlig überfüllten Schlauchboote der Flüchtlinge besser orten zu können, erhält die neue "Sea-Watch" Überwachungstechnik inklusive Wärmebildkamera für Nachtfahrten. Auf dem alten Schiff wurde nur mit Ferngläsern Ausschau gehalten.

Die Mission: Flüchtlinge suchen, sichern, übergeben

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An der Außenwand steht schon das Motto für die künftige Crew: Die "Sea-Watch 2" soll zu einer Rescue Zone, also zu einer Rettungszone, werden.

Am grundsätzlichen Konzept der Mission werde jedoch festgehalten, sagt Ruben Neugebauer: Ziel ist, Flüchtlingsboote zu finden, zu sichern und dann die Küstenwache oder andere Schiffe anzufunken, damit diese die Geretteten an Land bringen. Selbst wird die "Sea-Watch 2" keine Flüchtlinge an Bord nehmen, zum einen aus Platzgründen und zum anderen, um nicht den juristischen Tatbestand des Schleusens zu erfüllen.

Aber es gibt eine Ausnahme: Schwerverletzte erhalten Hilfe an Bord, und zwar in der neuen Krankenstation. Sanitäter Max van Laak muss die Verletzten dort nicht auf Tischen fixieren und den Tropf mit Kabelbinder an die Decke hängen wie auf der "Sea-Watch 1". Stattdessen werden zwei Tragen eingebaut, um eine professionelle Versorgung zu bieten. "Fast jedem der Geretteten geht es schlecht, entweder wegen einer Verletzung oder einer Krankheit. Dieser Raum ist für die, denen es richtig schlecht geht", sagt van Laak.

Dramatisierung der Lage für 2016 erwartet

Initiative "Sea-Watch"

Mehrere Familien aus Brandenburg haben die private Initiative "Sea-Watch" gegründet, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert. Freiwillige fuhren 2015 mit einem ehemaligen Kutter, der in Hamburg hochseetauglich gemacht wurde, von Lampedusa aus über das Mittelmeer auf der Suche nach Flüchtlingen in Seenot. Für die Erstversorgung hat die "Sea-Watch" Ärzte, Wasser und Rettungsmaterial an Bord. Die Crew nimmt allerdings keinen Flüchtling auf - sie informiert die Küstenwache und übergibt die Menschen an größere Boote. Im Herbst beendete "Sea-Watch" die erste Mission vor Libyen und startete eine zweite Mission mit einem Schnellboot in Griechenland. Im Frühjahr 2016 soll die größere "Sea-Watch 2" wieder vor Libyen im Einsatz sein.

Am besten wäre es, fügt er nachdenklich an, wenn Initiativen wie die "Sea-Watch" gar nicht nötig wären. Aber solange Flüchtlinge die Fahrt über das Mittelmeer auf sich nähmen, weil sie nicht legal in Europa einreisen können, solange würden sie gebraucht. "Wir gehen sogar davon aus, dass sich die Verhältnisse noch dramatisieren werden in diesem Jahr", fürchtet Skipper Werth. Zum einen, weil die Türkei von der EU drei Milliarden Euro erhalten habe, um "dafür die Drecksarbeit zu machen" und die Fluchtwege über die Ägäis zu sperren. Werth fürchtet, dass so noch mehr Menschen versuchen werden, auf illegalem Wege von anderswo aus überzusetzen.

Zum anderen ist Werth überzeugt, dass keiner der nordafrikanischen Flüchtlinge umkehrt, wenn er erst einmal die libysche Küste erreicht hat. "Die ganze Familie hat Geld zusammengelegt, damit der Stärkste der Familie nach Europa kann", erklärt Werth. Deshalb sei der Männeranteil mit 80 Prozent auch so hoch. "Wer losgeschickt wurde, der darf im Interesse seiner Familie nicht scheitern." Dabei sei ein Scheitern der Überfahrt programmiert: "Diese Gummiboote, die können Sizilien gar nicht erreichen." Die Qualität sei viel zu schlecht, oft dringe Wasser ein. Zudem seien die gut elf Meter langen und etwa drei Meter breiten Boote hoffnungslos überfüllt.

Unfassbare hygienische Zustände in Gummibooten

Bis zu 130 Menschen habe die "Sea-Watch"-Crew darauf angetroffen. "Wir finden diese Menschen in einer Brühe aus Treibstoff, Salzwasser, Urin, Kot und Kotze. Das führt zu ganz schlimmen Verbrennungen speziell an den Beinen", beschreibt Werth den Alltag der Retter. "Je länger die dort drin sitzen, desto schlimmer sind diese Zustände. Wir haben Bilder von Menschen, die beim Ausziehen der Kleidung gleich ein Stück Haut mit abgezogen haben."

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