Stand: 26.02.2016 10:58 Uhr

Hamburg schiebt mehr als 100 Schüler ab

von Patrick Gensing
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Schüler fordern, Abschiebungen zumindest während des laufenden Schuljahres auszusetzen.

Hamburg hat im vergangenen Jahr 109 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter abgeschoben. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Linken-Politikerin Christiane Schneider hervor, die dem NDR vorliegt. Aus den Angaben des Senats geht auch hervor, dass im vergangenen Jahr sechs Schüler abgeschoben wurden, die in Hamburg geboren wurden.

Allein im Januar wurden bereits 33 Kinder und Jugendliche abgeschoben. Die Zahl dürften im laufenden Jahr noch deutlich steigen - wegen der hohen Zahl der Flüchtlinge und der verschärften Asylgesetze.

Schüler fordern Recht auf Bildung

Die Schüler der Stadtteilschule am Hafen kritisieren das Vorgehen des Senats. "Unsere Mitschüler werden abgeschoben. Sie werden mit Eltern und Geschwistern nachts aus dem Schlaf gerissen, aus ihrem Zuhause geholt und zum Flughafen gefahren."

Was sie besonders schockiert: Niemand wisse, wann es einen Mitschüler oder eine Mitschülerin treffen könne. Zurück blieben nur Spinde, Fächer und Schränke, in denen zurückgelassene Sachen liegen, als traurige Erinnerungen, berichten die Schüler. Tagelang hoffe man, dass man die Mitschüler am nächsten Tag doch noch wiedersehe.

Schulleitungen erfahren spät davon

Auch die Schulleitungen erfahren nicht direkt von den Abschiebungen. Der Senat schreibt in seiner Antwort, dass nach "einer erfolgten Abschiebung die abgeschobenen Personen von Amts wegen durch das Einwohner-Zentralamt abgemeldet werden. Diese Abmeldung wird zeitgleich und automatisch in das Zentrale Schülerregister übermittelt." Dies führe dazu, dass bei den jeweiligen Schulen beim Abruf der Schülerdaten der Hinweis auf den veränderten Status aufgezeigt wird. Erst dann kann die Schule die Klassen informieren.

Hamburger Schüler fordern, das Recht jedes Kindes auf Bildung anzuerkennen und die Abschiebungen zumindest während des laufenden Schuljahres auszusetzen. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert das Vorgehen: Es könne nicht sein, dass behördliches Handeln und die geltenden Asylgesetze wichtiger seien als die Kinderrechte, sagt die Hamburger GEW-Vorsitzende Anja Bensinger-Stolze der Tageszeitung "taz".

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