Stand: 12.03.2015 11:39 Uhr

Scholz unterstützt Kongress radikaler Christen

Der große Saal im Hamburger Congress Centrum (CCH) ist fast komplett gefüllt. Weit mehr als 1.000 Zuhörer sitzen in den Reihen, die meisten von ihnen im schicken Business-Outfit. Gerade hat einer der Organisatoren das Eröffnungsgebet gesprochen. Jetzt betritt Olaf Scholz (SPD) die Bühne. "Herzlich Willkommen in Hamburg", sagt der Bürgermeister, "ich finde die Stadt der ehrbaren Kaufleute an der Wasserkante ist genau der richtige Ort für den diesjährigen Kongress christlicher Führungskräfte."

Scholz ist Schirmherr des Führungskräftekongresses

Olaf Scholz zeigt sich gut gelaunt. Zwar laufen in dieser Woche die Koalitions-Gespräche mit den Grünen, doch für den Kongress hat er sich Zeit genommen. Er ist sogar Schirmherr der Veranstaltung. Sein Sprecher teilte dem NDR auf eine Anfrage vor dem Kongress mit, der Senat habe geprüft, wer die Organisatoren und die anderen Teilnehmer seien. Es gebe zwar kritische Punkte, aber in der Gesamtheit sei es aus ihrer Sicht in Ordnung, dorthin zu gehen.

Kauder, de Maizière und Petry als Referenten

Mehr als 3.000 Teilnehmer sind hier drei Tage lang zusammengekommen - unter ihnen auch einige Vertreter großer Firmen wie Underberg oder smart. Außerdem finden sich auf der Liste der Referenten bekannte Politiker - etwa der Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag, Volker Kauder, Bundesinnenminister Thomas de Maizière oder die Vorsitzende der AfD, Frauke Petry.

Veranstalter wollen christliche Werte in die Gesellschaft einbringen

"Uns geht es darum, dass wir versuchen, christliche Werte in unsere Gesellschaft einzubringen und das besonders über Führungskräfte", erklärt Helmut Matthies. Er ist Chef des evangelikalen Verlags idea, einer der Organisatoren des Kongresses. Kampf gegen Korruption und Menschenhandel, Einsatz für Religionsfreiheit, Transparenz und Ehrlichkeit seien die zentralen Themen des Kongresses, so Matthies.

Radikale Missionswerke bewerben ihre Arbeit

Zu der Veranstaltung gehört auch eine Ausstellung. Hier wird deutlich, dass es den Organisatoren auch um andere Inhalte geht. Hier werben zahlreiche, teils extrem radikale Missionswerke für Einsätze in arabischen Ländern, in Afrika oder in Indien. Sie wollen andere Länder "von der Macht Satans" befreien, wirbt eine von ihnen. Ein anderer Missionar meint, in Afrika Seelen retten und "Dämonen" vertreiben zu müssen - und "die Hölle zu plündern". An einem anderen Stand liegen kleine Föten aus Plastik und Füße von Föten aus Metall, um vor Abtreibungen zu warnen. Ein paar Meter entfernt hat die Gesellschaft "Wort und Wissen" ihren Stand aufgebaut. Sie versucht, die Evolutionslehre zu widerlegen, und gibt Schulbücher für den Bio-Unterricht mit der Schöpfungsgeschichte heraus.

Homosexualität sei Sünde und Abtreibung das größte Verbrechen

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Eine Organisation widmet sich auf der Ausstellung dem Thema Christenverfolgung - mit einem Maschinengewehr.

Helmut Matthies selbst hält Abtreibung für "das größte Verbrechen der Gegenwart in Deutschland", bezeichnet Homosexualität als Sünde. Sein Verlag warnt immer wieder vor einer angeblichen "Islamisierung" und ruft zur Missionierung von Muslimen auf. Sein Co-Organisator Jörg Knoblauch ist Mitglied im rechtskonservativen "Arbeitskreis Christlichen Publizisten" und sagt im Interview mit dem NDR, 95 Prozent der Moslems seien friedliebend und integriert, aber "wenn du einen Moslem vor die Frage stellst, Demokratie oder Koran, dann muss er in der Regel nicht nachdenken, dann sagt er Koran. Und dann beginnen die Probleme."

Kritik an Nähe zu rechten Kreisen

Helmut Matthies sowie sein Verlag idea sind in den letzten Jahren immer wieder wegen ihrer Nähe zu rechten Kreisen kritisiert worden. Matthies hat im Dezember 2009 einen Preis der rechtskonservativen Zeitung "Junge Freiheit" angenommen und für sie - genauso wie mehrere andere idea-Mitarbeiter - als Autor geschrieben.

Evangelikale

Weltweit gibt es mehrere Hundert Millionen evangelikale Christen. Für sie ist die Bibel Grundlage für alle Lebens- und Glaubensfragen. Sie leiten strenge Lebensregeln daraus ab. Abtreibung zum Beispiel lehnen sie entschieden ab. Sie machen sich für Ehe und die klassische Familie stark, Homosexualität gilt als Sünde. Zu der evangelikalen Bewegung gehören unterschiedliche Gruppen und Gemeinden. In Deutschland zählen laut Schätzungen etwa 1,3 Millionen Gläubige dazu, von denen etwa die Hälfte zu Freikirchen, unabhängigen Gemeinden und Hauskirchen gehört, die andere Hälfte zu Gemeinden der evangelischen Landeskirchen.

Idea arbeitet eng mit dem Dachverband der Evangelikalen, der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), zusammen, der auch auf dem Kongress vertreten ist. Die Osnabrücker Theologin Sonja Strube kritisiert, dass auf dessen Internetseite immer wieder Artikel aus "neurechten, rechtspopulistischen und islamfeindlichen Medien" übernommen würden. Themen wie Religionsfreiheit und Christenverfolgungen würden dort "mit antimuslimischer Hetze und umfassender Ablehnung des Islam verknüpft". Es seien dort regelmäßig "in optisch und sprachlich seriöser Form unseriöse Positionen und Texte des extrem rechten Spektrums" verbreitet worden, schreibt Strube in einem Artikel in der "Theologischen Revue". Sowohl idea als auch die DEA bestreiten diese Vorwürfe und betonen, sie seien nicht rechtsradikal.

Olaf Scholz lehnt Interview ab

Bürgermeister Scholz hat ein Interview mit dem NDR abgelehnt. Er wollte sich nicht dazu äußern, warum er die Schirmherrschaft dieser Veranstaltung übernommen hat, teilte sein Sprecher mit. Die Frage sei: Nutze der Bürgermeister die Gelegenheit, sie mit seiner Weltsicht zu konfrontieren.

In seiner Rede lobt Scholz "christliche Werte" und Hamburg als Unternehmensstandort. In einem Satz verweist er auf das Grundgesetz und die dort verankerte Würde des Menschen und ruft dazu auf, alle Menschen gleich zu behandeln. Außerdem sagt er, dass zu den Werten "unseres Wirtschaftssystems" auch die Weltoffenheit sowie Toleranz gehöre - im Sinne von Respekt gegenüber anderen Religionen und derer, die keine Religion haben. Kritik an den Positionen der Veranstalter zum Islam, zur Homosexualität oder zur Abtreibung äußert er nicht. Auf Nachfrage des NDR, ob er dies eventuell an anderer Stelle getan habe, hat der Senat nicht geantwortet.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages sind uns zwei Fehler unterlaufen. Der Vorname von Helmut Matthies wurde fälschlicherweise mit -h geschrieben. Außerdem war zunächst an einer Stelle von "mehr als 3.000 Unternehmern" die Rede. Diese Formulierung haben wir in "mehr als 3.000 Teilnehmer" geändert. Die Redaktion bittet für diese Fehler um Entschuldigung.

Stellungnahme der Redaktion

Liebe Nutzerinnen und Nutzer von NDR.de,
wir freuen uns über Kommentare zu unseren Beiträgen - auch über kritische. Denn sie ermöglichen einen Diskurs über strittige Themen. Einige Anmerkungen zu den vielen Kommentaren:

Was bedeutet radikal?
In dem Artikel ist die Rede von "radikalen Christen". "Radikal" in diesem Zusammenhang bedeutet, dass die Gläubigen zum christlich-fundamentalistischen Spektrum gezählt werden können, was aus Sicht der Autoren auf die Organisatoren des Kongresses sowie einige Aussteller zutrifft. Sollte aber der Eindruck einer Pauschalisierung entstanden sein, bedauern wir dies. Sie war nicht intendiert.

Sind die Beispiele in dem Text "willkürlich" bzw. "einseitig" herausgegriffen?
Der Redakteur, Christian Baars, hat sich schon im Vorfeld mit dem Kongress, den Referenten und den Aussteller beschäftigt und ist darüber hinaus einige Stunden - gemeinsam mit einem Team vom Hamburg Journal - auf der Ausstellung des Kongresses unterwegs gewesen. Die Mitarbeiter des NDR haben dort mit vielen Menschen gesprochen und sich die Stände angesehen. Zudem sind sie bei der Eröffnung sowie beim Grußwort von Herrn Scholz vor Ort gewesen und haben Interviews mit den Organisatoren Helmut Matthies und Jörg Knoblauch geführt. Durch diese Recherche, die auch auf der jahrelangen Beschäftigung des Redakteurs mit evangelikalen Gemeinden in Deutschland fußt, wurde die Auswahl getroffen. Die angesprochenen Punkte - Missionierung von Andersgläubigen, Forderung nach einem strikten Verbot von Abtreibungen, Darstellung von Homosexualität als Sünde - gehören zu den Positionen, die viele Evangelikale immer wieder nach außen vertreten. Grundsätzlich möchten wir anmerken, dass diese Positionen natürlich vertreten werden dürfen. Niemand will eine freie Meinungsäußerung untersagen. Umgekehrt ist jedoch auch Kritik an dieser Meinung erlaubt. Es ging auch darum zu zeigen, dass die Organisatoren und viele Aussteller gesellschaftspolitische Positionen vertreten, die von denen für die Herr Scholz bzw. die SPD ansonsten stehen, abweichen.

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